CHRISTUS AM ÖLBERGE und EIN BRIEF – zwei Stücke im Fokus der Opernmatinee

Was für ein Privileg, einen hoch angesehenen zeitgenössischen Komponisten mit einer Legende des Tanztheaters gemeinsam auf dem Podium zu erleben! Als nächstes Highlight im Rahmen von BTHVN2020 steht Ludwig van Beethovens Oratorium Christus am Ölberge auf dem Programm – durch die Choreografin und Regisseurin Reinhild Hoffmann dramaturgisch, szenisch und tänzerisch verschränkt mit der Uraufführung von Ein Brief, ein Auftragswerk, das der Komponist Manfred Trojahn für die Oper Bonn zum Beethovenjahr beisteuert.

Als einmaliges Erlebnis kündigt der Moderator der Matinee, Stefan Keim, eine Kostprobe aus dem Bariton-Solo Stück Ein Brief an. Bisher noch nie in der Öffentlichkeit zu Gehör gebracht, diese kontemplative Selbstreflexion. Worum geht es hier? Im Jahre 1902 veröffentlichte Hugo von Hofmannsthal den fiktiven Brief eines Lord Chandos an seinen Zeitgenossen, den englischen Philosophen Francis Bacon vom 22. August 1603. Darin analysiert und beklagt der Briefeschreiber seine Schaffenskrise. Es sei zu gütig, ihm in seiner „geistigen Starrnis“ mit Leichtigkeit und Scherz beizustehen. Leicht zu schließen, dass Hofmannsthal hier seine eigene schmerzhafte Erkenntnis thematisiert, zukünftig keine Lyrik mehr zu schreiben.

„Der Text ist so komplex wie Hölderlin“, bemerkte Holger Falk, der die Rolle verkörpert. Nur er und das Orchester! „Man muss die Sätze mindestens fünf mal hören, bevor man sie wirklich versteht.“ Und dennoch – auch bei einmaligem Gesang vermittelt sich die hoch verdichtete Emotionalität, die weit über das sprechende Individuum hinausragt.  Falks Interpretation ist – wie er selber erläuterte- im feinste Sinne Schauspielerei. Es handle sich um einen gedanklichen Prozess, einer Art philosophischer Abhandlung, die auch einen konkreten Adressaten hat. Das sprechende/singende Ich erlebt eine existenzielle Krise, die geistige Starrnis, lässt sich aber dennoch nicht entmutigen. Falk verfolgt in diesem Solostück, sein Inneres darzubieten und sich dem Publikum komplett aufzuschließen – ganz nach dem Sinn des Textes. 

„Es geht mir nicht primär um Ästhetik, sondern darum, ob man etwas zu sagen hat“, ergänzt Trojahn. Manfred TrojahnEr komponiert für die Sänger, setzt Wort und Theatralik ins Zentrum. Trojahns Musik kommt als sinnlich an, durchaus tonal. Sein Konzept? Eine erweiterte Tonalität, die sich keiner Ideologie unterwirft. „Fortschritte in der Musik“ interessieren ihn nicht primär; er habe aber hinlänglich bewiesen, dass er sich seine eigenen Gedanken mache. 

Wie bringt man nun Gedanken auf die Bühne? Die Frage war natürlich an Reinhild Hoffmann gerichtet, die mit Pina Bausch und Susanne Linke zu den Grandes Dames des deutschen Tanztheaters gehört. Sie zeichnet für die Bühne, die Regie und den Tanz des Doppelprogramms verantwortlich. Hier gebe es keine Handlung, sondern etwas Abstraktes, eine Philosophie müsse sie in Körperlichkeit umsetzen. Das entspricht selbstredend ihrer künstlerischen Prägung. Ihr Tanztheater erzählt keine Geschichte, sondern das, was die Menschen bewegt. Für sie gilt Hofmannsthals Fiktion, die Thematik des Briefs um drei Jahrhunderte zurück zu verlegen, durchaus als Rollenspiel-orientierter therapeutischer Vorgang. Der Adressat, von dem Lord Chandos sich Verständnis und Zuspruch erhofft, ist wie ein väterlicher Freund.

Stehen die beiden durch eine Pause getrennten Stücke für Reinhild Hoffmann unverbunden nebeneinander? Reinhild HoffmannKomplexe Schnittmengen benennt sie. Als Verantwortliche für das Bühnenbild habe sie einen Raum schaffen müssen, in dem beide Stücke theatralisch wirken. Wie im Brief  findet sich bei Christus am Ölberge der Protagonist in einer alles entscheidenden Situation. Hier: Wie kann der Künstler weiter produktiv schaffen nach dem Vakuum der „geistigen Starrnis“, dort: Wie bewältigt Christus die größte menschliche Aufgabe, die des Opfertodes. Hat er die Kraft – trotz unermesslichen Schmerzes – die Menschheit zu retten? Das Religiöse sei nahezu ausgeblendet. Und nicht im Wort, sondern in der Musik und in der Malerei liege die größte künstlerische Freiheit. 

Christus am Ölberge entstand in der Rekordzeit von nur zwei Wochen, in der Fastenzeit 1803. Opern durften nicht aufgeführt werden, aber als Composer in Residence war Beethoven verpflichtet, für neue Werke zu sorgen. In der selben Zeit entstand auch das Heiligenstädter Testament, in dem der noch junge Komponist sich mit der schleichend sich verschlimmernden und nun nicht mehr zu leugnenden Ertaubung auseinandersetzte. Würde er Musik schreiben, einstudieren und dirigieren können, wenn er nicht mehr hörte? Und wenn überhaupt, dann wie? „Beethoven war der erste musikalische Künstler, der ästhetische Reflexionen über sein Schaffen anstellte“, so Trojahn.

Das Libretto von Christus am Ölberge stammt aus der Feder von Franz Xaver Huber, der sich verschiedener Textstellen aller vier Evangelisten Markus, Mätthäus, Lukas und Johannes bediente, sie psychologisch auslotete und komprimierte. Nur die Szene in Gethsemane stellt er dar. Jehovah, du mein Vater! O sende Trost und Kraft und Stärke mir! – So beginnt das Rezitativ des ersten musikalischen Beitrags von Kai Kluge, dem Tenor der Titelrolle. Man sagt, Beethoven habe primär für Instrumente komponiert, weniger für die Sänger. Dieses Stück beweist das Gegenteil. Auch die anschließende Arie Meine Seele ist erschüttert von den Qualen, die mir dräun. zeuge von Beethovens großem Verständnis für die menschliche Stimme.

Die Partie sei fast vorweggenommene Belcanto-Musik, so Hermes Helfricht, der als Assistent den GMD Dirk Kaftan vertrat. Trojahn bezeichnete er als Meister der Instrumentierung, der sich in der subtilen Mischung der Klangfarben auszeichne. Die Holzbläser lasse er klirrend den flirrenden Streichern gegenübertreten, als Motiv flicht er ein Streichquartett ein, das immer wieder zurückkehrt. Das Stück entwickle seine Wirkung durch die kammermusikalische Intimität im Wechsel mit dem großen Orchester, das er dezent hält, damit der Sänger möglichst gut rüberkommt. 

Sechs Nummern umfasst Christus am Ölberge. Wie auch  in Ein Brief  entwickelt sich kein Plot auf der Bühne, sondern geistig-seelische Zustände werden vermittelt. Aber wie? Hier kommen die Tänzerinnen und Tänzer aus dem Folkwang Tanzstudio ins Spiel. Sie bieten Tanz dar, der mit Inhalten arbeitet und weniger auf Virtuosität abzielt. Das erklärte Ziel des erzählenden Balletts? Themen mit einer eigenen Körpersprache darstellen. 

Verblüfft ließ Manfred Trojahn den Moderator Stefan Keim und auch das Publikum zurück. Er hat das Beethoven-Oratorium noch nie gehört und auch die Christus-Arie war für ihn eine Premiere. Überhaupt steht ihm Mozart näher als Beethoven; auch die Missa Solemnis kennt er nicht. Keim fühlte sich veralbert, aber Trojahn konterte: „So geht Komponieren. Ich blende alles andere aus.“

Bevor allerdings an diesem Vormittag der Vorhang fiel, traten Kai Kluge als Christus, Ilse Eerens als Seraph und Seokhoon Moon als Petrus (übrigens das ganze Solistenensemble des Stücks) auf und boten das Schlussterzett dar. Gut 120 Menschen im Publikum überboten sich im Beifall – die musikalische Komponente, hier am Klavier begleitet von Korrepetitor  Benedict Kearns, begeisterte alle. 

Die Premiere findet statt am 8. Februar 2020; Karten dafür und die fünf weiteren Vorstellungen gibt es bei Theater Bonn.

 

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