FIDELIO – Volker Lösch inszeniert Beethoven in Bonn

Beginnen wir mit Goethe. „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!“  1808 veröffentlichte Goethe der Tragödie ersten Teil des Faust, drei Jahre zuvor war Beethovens einzige Oper Fidelio uraufgeführt worden. War der Altmeister aus Weimar noch ganz im Ständewesen der Exzellenzen verhaftet, zeichnete sich Beethoven als glühender Verehrer der französischen Revolution aus.

Was beide eint, ist die kritische Einstellung zum Fetisch Geld & Gold, ihr Wissen um die destruktive Macht dieses materiellen Guts. Ludwig van Beethoven charakterisiert so den Kerkermeister Rocco als einfach strukturierten Opportunisten,  für den das Glück seiner Kinder in materieller Sicherheit höchste Priorität hat.
Karl-Heinz Lehner_Fidelio_19-12.jpg„Das Glück dient wie ein
Knecht für Sold,
es ist ein schönes, schönes Ding,
das Gold, ein goldnes,
goldnes Ding, das Gold,
das Gold.“*
heißt es in der „Goldarie“ im 1. Akt der Oper. Karl-Heinz Lehner bot sie in warmer Bass-Bariton Lage als einzige musikalische Kostprobe dieser Matinee dar.

Viel Raum nahm dagegen ein spannender Diskurs über Volker Löschs programmatischen Regieansatz ein. Wer seine Inszenierung von Nathan der Weise 2016 in Bonn erlebt hat, versteht seine künstlerische Mission unmittelbar. Die klassischen Stoffe auf ihren zeitgenössischen, aktuellen Gehalt abzuklopfen sei seine Intention, nichts aus vergangenen Jahrhunderten aufzuführen, das ausschließlich der Erbauung des Bildungsbürgertums dient. 

Als kluger und gut vorbereiteter Moderator leitete Dr. Richard Lorber, Redakteur beim WDR, die Diskussion. Er fragte an einigen Stellen hartnäckig nach und so gelang es ihm, Details zur Inszenierung des Fidelio schon jetzt, gut zwei Wochen vor der Premiere am 1. Januar 2020, ans Tageslicht zu fördern und damit in die Öffentlichkeit zu bringen. 

BTHVN 2020 lautet der Titel mannigfaltiger Kunst- und Musikprogramme, die zu Ehren des 250. Geburtstages von Ludwig van Beethoven Bonn und die Region in eine Beethovenarena verwandeln. Und dann gleich zu Beginn der Riesentusch mit der großen Freiheitsoper, die mancher Experte wegen der sperrigen Dialoge und trotz der großartigen Musik für weniger geglückt hält.

Mehr als einmal zitiert Lorber Löschs künstlerisches Credo: „Kunst ohne Anbindung an das Draußen, an die Zeit, in der ich lebe, finde ich sinnlos.“ Der direkte Bezug des Fidelio zum Draußen sei hier die Gefängniswelt, diese wiederum „radikal reduziert auf ein autokratisches System.“ Kurz ergänzt Lösch veranschaulichend: Im internationalen Ranking der Pressefreiheit von 180 Staaten rangiert die Türkei auf Platz 157. Da liegt der Schritt vom Abstrakten (ein Einzelner lehnt sich gegen ein System oder einen Staat auf) zum Konkreten (inhaftierte Journalisten) nahe. Und wie wir involviert seien? Wir rollen für Staatsbesuche des Autokraten den roten Teppich aus. 

Löschs Regiearbeiten leben davon, dass Betroffene auf der Bühne zu Akteuren werden. Fünf Menschen, deren Familienmitglieder unmittelbar  Haft und Folter erlitten haben, spielen hier mit. Der Dramaturg Stefan Schnabel erläuterte den Prozess der Rekrutierung. In den sozialen Medien suchte man nach Betroffenen. 12 Menschen wählten sie aus, führten Interviews und einigten sich schließlich auf fünf von ihnen als Zeitzeugen oder Experten. 

Und wie passt das zur Oper? Von der Musik habe man keine einzige Note gestrichen, alles original Beethoven. Aber das Libretto sei völlig neu entstanden, allerdings im alten Rhythmus, „denn“, so Schnabel, „man muss die Musik und das Spielen in Einklang bringen.“ Natürlich sind die Zeitzeugen (die Experten) keine Schauspieler; deshalb tragen sie Mikro-Ports und die Kamera fährt langsam an ihre „echten“ Gesichter heran. Großaufnahmen zeigen ihre Anstrengung und ihre Emotionen, diese Facetten eines feinpsychologischen Theaters. 

Moment! Kameras? Hier ergänzen sich Carola Reuther als Bühnenbildnerin und Ruth Stofer, die Videokünstlerin. Auf der Bühne befinden sich zwei Kameras, die live gleichermaßen ein making-of erstellen. Das live Gefilmte wird „wild gemischt“. Videos dokumentieren und kommentieren. Alles greift in diesem Set ineinander, alles hat mit allem zu tun. Die live-Doku sieht das Publikum auf einer ungefähr 5 mal 8 Meter großen Leinwand. Es bezeugt quasi die Entstehung der Produktion. 

Der Kunstgriff dabei? green screenGedreht wird in einer Green Box oder vor einem Green Screen. Wir kennen das aus Nachrichtenstudios: Das Grüne bietet die Fläche für Einspieler. So werden die Gefangenen unsichtbar, wenn sie auch etwas Grünes tragen – als Metapher für die weggesperrten Menschen.  Ein Geldschein kann hier oder dort sein oder ganz wegfliegen. Auch Leonore, diese Verkörperung von Hoffnung durch Liebe, kann mittels Video fliegen. So werden ihre Träume und Visionen augenfällig. 

Da kommt eine Menge auf das Publikum zu – im wahrsten Sinne des Wortes. Dazu Volker Lösch: „Man kann auf vier Ebenen gucken. Nur oben (Leinwand), nur unten (Bühne), mit geschlossenen Augen sich der Musik widmen oder alles auf einmal aufnehmen.“ Ob Lösch denn selber als Bildregisseur auf der Bühne agieren werde? Nein, aber es gibt tatsächlich einen Live-Regisseur auf der Bühne, einen zweiten (Video-)Inspizienten. Für das reguläre Personal einer Opernaufführung sei das eine zu große Aufgabe. 

Für die Bühnenbildnerin herrschte die Frage vor: Wie schaffe ich einen RAUM mit politischer Brisanz? Nichts fände sie grauslicher, als den Chor mit hängenden Köpfen als Gefolterte über die Bühne schleichen zu lassen. Wird sie uns – auch mittels Video – drastische Schockbilder zumuten? In sehr kleinem Umfang wohl. Es wird also grausam und schön, opulent und bunt (Arien) und schwarzweiß und schwer in den Testimonials der Zeitzeugen. Die Opernwelt und die reale Welt werden durch die Videoprojektionen verbunden. 

Karl-Heinz Lehner sang und Marie Heeschen sprach. Keine Marzellinen-Arie von ihr, stattdessen sehr selbstreflektierte Beobachtungen zu ihrer Rolle und Marzellines Singspielebene. Roccos Tochter bleibt ganz dem Inbegriff des heiteren Sopranos verhaftet; sie ignoriert zu 100 %, was um sie herum vorgeht. Vor ihren Augen passiert Schreckliches, aber sie konzentriert sich auf Privates (sie ist mit Joaquino verlobt, verliebt sich aber in Fidelio/Leonore). Ihr Lieblingswort ist „glücklich“ – mindestens 243 mal benutzt sie es, unterstreicht Marie Heeschen humorvoll. Ihre Hoffnung und ihre Sehnsucht  ziehen sich ja durch die gesamte Oper: Musikalisch gehören ihr die Kantilenen und Koloraturen. Was das Ensemble nun mit den Experten verbinde? „Hoffen hält die Menschen am Leben.“  Aber als Sängerin fühle sie sich auch als Zwitterwesen. Nach der jauchzenden Arie setzt sie sich wieder mit den Experten an einen Tisch. Marzellines reine, naive Arie müsse sich an der harten Realität messen. 

Er sei ganz bei Friedrich Schiller, VolkerLösch_RichardLorberder in der Zeit der Aufklärung das „Theater als moralische Anstalt“ deklarierte, so Lösch. Sein Fidelio sei pures Theater, das die gesellschaftlichen Zustände reflektiert und darüber hinaus die Beziehungen, die Menschen zueinander haben. Er sei davon überzeugt, dass die Menschen lieber angeregt und berührt werden wollen als bloß unterhalten. Er will Stoff bieten, der über die Bundesliga-Ergebnisse hinaus Anlass zu Diskussion biete. Auch am nächsten Morgen noch. Die Inhalte müssen virulent bleiben, wenn so eine Produktion eine Million gekostet habe. 

Und dann? Was sei zu tun? Was kann das Publikum, was kann jeder und jede Einzelne(r) tun für zu Unrecht inhaftierte Menschen in der Türkei? Den Weg weise die Schlussszene der Oper auf, nachdem vier Minuten lang die grandioseste Musik überhaupt auf uns zu schmettere. Aber diesen finalen Clou wolle er jetzt wirklich noch nicht verraten. Nur soviel: Ein Mensch (Leonore/Fidelio) engagiert sich vorbildlich. Es wäre doch großartig, wenn viele Menschen so handelten wie sie. „Wer du auch seist, ich will dich retten.“ Will sagen: Ich mache das für alle, denen Unrecht widerfahren ist. 

Entsteht so der ideale Staat, eine Utopie? Ist Leonore der idealistische Gegenentwurf zum materialistischen Rocco, der Florestan zwar nicht tötet, aber foltert, indem er ihm die Nahrung verweigert? Wie weit ist sie bereit zu gehen, als man ihr die Pistole reicht? Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, so Hölderlin. Im Theater der deus ex machina, in der Musik das Trompetensignal, das Don Fernando ankündigt. 

Ist Fidelio eine „weibliche Oper“? Dazu Carola Reuther sinngemäß: „Leonore ist der Beginn, wie eine Greta Thunberg. Unbestritten führt eine weibliche Stimme, ein Sopran durch das Stück. Die Kraft der Oper entsteht durch das weibliche Imaginieren von Veränderung.  Das Gegenstück, der inhaftierte, geschwächte Florestan? Seine Vertreter bilden die Experten, die immer stärker eingebunden und zunehmend mit der Opernhandlung verschränkt werden.

Florestan, der bewaffnete Freiheitskämpfer (aber kein Mörder, so Lösch), hat auf der anderen Seite den holzschnittartigen Don Pizarro als Gegenpart. Er sei ein wahnsinnig gerissener Machiavelli-Autokrat, der Vertreter einer enthemmten Virilität. Und damit rückt zum Schluss doch noch einmal Beethoven in den Mittelpunkt. „Pizarro muss schreien, damit er das Orchester übertönt. Und das hat Beethoven mit boshafter Absicht so komponiert.“

 

ROCCO
Nun, meine Kinder,
ihr habt euch doch recht
herzlich lieb, nicht wahr?
Aber das ist noch nicht alles,
was zu einer guten,
vergnügten Haushaltung gehört,
man braucht auch
Hat man nicht auch Gold beineben,
kann man nicht ganz glücklich sein;
traurig schleppt
sich fort das Leben,
mancher Kummer stellt sich ein.
Doch wenn’s in den Taschen
klingelt und rollt,
da hält man das Schicksal gefangen,
und Macht und Liebe verschafft
das Gold und stillet das
kühnste Verlangen.
Das Glück dient wie ein
Knecht für Sold,
es ist ein schönes, schönes Ding,
das Gold, ein goldnes,
goldnes Ding, das Gold,
das Gold.
Wenn sich Nichts mit
Nichts verbindet,
ist und bleibt die Summe klein,
wer bei Tisch nur Liebe findet,
wird nach Tische hungrig sein.
Drum lächle der Zufall euch
gnädig und hold und segne
und lenk‘ euer Streben,
das Liebchen im Arme,
im Beutel das Gold,
so mögt ihr viel Jahre durchleben.

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