HAMLET in der Oper Köln

Sanfte Geigentöne wiegen ihn in den Tod, das Cello im Solo mit der Oboe dazu im Dialog. So stirbt d e r tragische Held der Weltliteratur in Brett Deans Hamlet. Bis zum Finale allerdings fesselt eine hochdramatische musikalische Version dieses Weltkulturerbes als Oper das Publikum im Kölner Staatenhaus. Inspiriert von einem Bilderzyklus seiner Frau Heather Betts zu Shakespeares komplexem Drama schuf der Komponist ein Werk, das seinen Platz im modernen Opernrepertoire erobern wird. Weil es in der kongenialen Kooperation mit dem Librettisten Matthew Jocelyn eine Kraft entwickelt, deren Sog das Publikum in das Stück förmlich hineinzieht.

Gut fünf Stunden Original Shakespeare reduzieren der Australier Dean und der Kanadier Jocelyn auf etwas mehr als die Hälfte. Und verfahren eklektisch mit den Dramentexten der vielen, zum Teil nicht verbürgten Ausgaben des frühen 17. Jahrhunderts. Mit dem Ziel: Wo Hamlet draufsteht, kommt nur Shakespeare rein. Ähnlich wie bei unseren Klassikern Goethe und Schiller bildet gerade der Hamlet einen sprudelnden Quell von Zitaten, die zu mehr als geflügelten Worten wurden. Die besondere Sprachmelodie des Dramas, die Rhythmik des Textes, die Akzente der schnellen, witzigen Dialoge in Text und Musik zu verschränken ist dem Kreativ-Duo aufs Beste gelungen.

Allerdings brechen die beiden die hergebrachten Hör- und Sehgewohnheiten. Im Spiel um Macht und Verrat, Liebe und Wahnsinn, Mord und Meucheln, Intellekt und Poesie, Intrige und Zufall, Gewalt und Sanftmut, Klarheit und Wahrheit, Tag und Nacht machen sie diese Dualität zum Gestaltungsprinzip. So zeigt sich der Protagonist zunächst nur flüsternd mit ausschließlich der zweiten Hälfte des eingängigen Einsilbers. “ … or not to be“ weht dann als Schrei durch die Halle – Hamlet mit den Händen die Ohren bedeckend und den Mund weit aufgerissen. Ganz wie im Gemälde von Edvard Munch.

Stringent reduzieren Dean und Jocelyn die Handlung und verzichten auf Nebenstränge. Die Reise nach England mit dem Mordkomplott entfällt. Gut so – denn dass Claudius alles daran setzen wird, den rechtmäßigen Thronerben zu eliminieren, ist klar. Was war passiert? Claudius hat ein Verhältnis mit Gertrude, der Frau seines Bruders, des Königs von Dänemark. Sie verbindet ein starkes erotisches Band (das die Oper vollkommen außer Acht lässt). Mit den Resten vom Leichenschmaus wird das Hochzeitsbankett bestückt. Für Hamlet, den Königssohn und Neffen des nun neu gekrönten Königs, grauslich und respektlos. 

Hamlet verliebt sich in Ophelia, Tochter des Einflüsterers Polonius, Schwester des Laertes. _Paul_Leclaire_L2_6357OperKoln_Hamlet_KHP_15.11.2019Sein berühmter Liebesbrief an das Mädchen endet mit “ … but never doubt I love.“ Als Hamlet sich entschließt, den Verrückten zu spielen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, wird diese letzte Zeile Ophelia zum Verhängnis. Scheinbar grundlos schwört er seiner Liebe ab. Sie wird daran irre, im wahrsten Sinne des Wortes. Schließlich ertränkt sie sich aus Verzweiflung an der Welt und der Liebe. Soweit Shakespeare. 

In der Oper erleben wir links am Bühnenrand den Semi Chorus (Rheinstimmen Ensemble): vier junge Damen und fünf junge Herren. Sie „gehören“ gleichermaßen Ophelia und begleiten sie kommentierend wie ein antiker Chor, meist unisono. Das „never“ zigfach wiederholt beschwört die Endlosschleife in Ophelias gebrochenem Herzen und wunder Seele. Ein großartiger Einfall. Wortwiederholungen stehen in diesem Klangkörper neben gutturalen Lauten, Glucksen und Lufteinsaugen, archaische Laute.  Sie schlagen mit der flachen Hand auf den Mund oder klopfen auf die Brust, um die Luftsäule zu unterbrechen. Feine Effekte, die zum genauen Hinhören einladen. 

Was wäre eine Tragödie ohne komödiantische Szenen? Komik vergrößert die Fallhöhe der Mächtigen, sie schneidet mit dem scharfen Schwert der Spiegelung, ohne „justiziabel“ zu werden. Es ist ja nur ein Spiel. So heuert Hamlet eine Gauklertruppe an, die das Stück „The Murder of Gonzago“ im Königsschloss Elsinore vor dem Hofstaat aufführen. _Paul_Leclaire_L2_2593_OperKoln_Hamlet_GP_22.11.20191Und welcher Regisseur ließe sich die Chance entgehen, vor den rauen Winden und den grauen, vom Meer umtosten Burgmauern eine commedia vorzuführen. Hier geht Librettist Jocelyn, der die deutsche Erstaufführung selbst inszeniert, in die Vollen.

Renaissance Kostüme, live Musik auf der Bühne (der Akkordeonist), eine versenkbare Bühne. Ein herrschaftliches Liebespaar (die Dame ein Herr, wie zu Shakespeares Zeiten), man schüttet Gonzago Gift ins Ohr und er stirbt. Wie auf einem königlichen Sarkophag in Marmor gehauen liegt er da. Derweil muss Claudius sich fast erbrechen (das tut die Gattin Gertrude später im Todeskampf spektakulär). Der König weiß nun sicher, dass Hamlet ihn durchschaut hat. 

Aber Hamlet fehlt der Mut, seinen Widersacher zu erdolchen, als er ihn allein antrifft. Das Bühnenbild arbeitet hier mit überzeugender Symbolik. Zum ersten Mal sind die beiden – Onkel und Neffe, König und Prinz – auf Augenhöhe. Nämlich auf der oberen Plattform des gedrehten Aufbaus. Stellte es vorher so etwas wie die steilen Frontseiten des Machu Picchu oder einer Pyramide dar, so sehen wir von hinten die Stufen der Macht. 

Offensichtlich hatte der Bühnenbildner Alain Lagarde große Freude daran, die breite Bühne im Saal 2 mit einem Monumentalbau in der Mitte zu gestalten. Rechteckige Öffnungen bilden Gräber, die in zwei verschiedenen Szenen von einem geistreichen Totengräber bearbeitet werden. _Paul_Leclaire_L2_1157_OperKln_Hamlet_OHP_21.11.2019Spektakulär ein Wassergraben für den Styx, auf dem Hamlets Vater als Geist aus dem Totenreich zurückrudert, begleitet von waberndem Bühnennebel. Dazu treiben einem die Musik und die Chorgesänge Schauer über den Rücken und lässt einem den Atem stocken. 

Nun, es kommt zum Showdown. Als ultima ratio inszeniert der König ein Fest, bei dem Laertes Hamlet mit einem präparierten Schwert im Wettkampf tödlich verwunden soll.  Ophelias Bruder war schnell für das „Projekt“ zu gewinnen, denn er hält Hamlet für schuldig an Ophelias Tod. Um sicherzugehen, enthält der Erfrischungstrunk mit der kostbarsten Perle der Welt ein letales Gift. Doppelt hält besser. Weit gefehlt! Aus Freude über Hamlets nun erwachte Kämpfernatur trinkt Gertrude den vergifteten Wein und stirbt. Mit einem kräftigen Hieb ersticht Hamlet Laertes, dann König Claudius. Rosenkrantz und Güldenstern kommen in dem Getümmel ebenfalls zu Tode. Schließlich erliegt Hamlet dem Gift in seinem Körper, das ihm sein beinahe-Schwager Laertes beigebracht hatte. 

Das Gift in seinem Körper – ein Bild für das Gift in seinem Herzen und seinem Hirn? So ein brillant begabter junger Prinz, der in Wittenberg studierte. Zu Zeiten Shakespeares war das die größte und renommierteste Universität Europas, wahrlich einem königlichen, edlen Spross angemessen. Was macht die düstere Welt der dänischen Fortmauern mit einem freien Geist? Was löst der Mord am eigenen Vater in einem sensiblen, poetischen Intellektuellen aus? Wir sehen es hier auf der Opernbühne: Aus höchsten Höhen in die tiefsten Abgründe. 

Am Ende ist die Bühne übersät mit Toten, alle niedergemäht von Hamlet. Aber sie erheben sich würdevoll und gehen durch den Styxgraben ab. Aufrecht. Dann die Chordamen und -herren, einzeln, wie sie zu Beginn der Oper einzeln, zum Teil mit Schaufeln ausgestattet, auftraten. Alles ist zu einem schrecklichen Ende gekommen und nur Horatio, Hamlets Studien- und Herzensfreund, hält ihn. Hieß es vor dem Gemetzel noch „… the rest is readiness“ in Abwandlung der berühmten letzten Worte, als Hamlet das Heft des Handelns in die Hand nimmt, so übernimmt der tragische Held jetzt von Horatio das echte Shakespeare Wort „ … the rest is silence„. 

1609 führte Shakespeare sein Drama über den „verrückten“ Dänenprinzen in Stratford zum ersten Mal auf; 2017 glänzte Brett Dean mit der Premiere seiner Oper Hamlet in Glyndebourne. Dort leiht er sich auch das Ambiente der arrivierten middle classes. Sie lassen sich abends auf Cashmere-Plaids auf dem Rasen nieder, schlürfen Schampus und essen Erdbeeren. Genau so erleben wir den Hofstaat  (Chor) während des Spiels im Spiel. Jaja, all the world’s a stage. Für Jocelyn hier also ein Spiel im Spiel im Spiel. 

Nun also die deutsche Erstaufführung in Köln. Brauchte es dazu Mut der Theaterleitung? Wohl kaum. Die Musik erzählt die Geschichte so expressiv, so gewaltig und auch so zart, so facettenreich und „modern“, so voller Brechungen und gewaltigem Aufbrausen. Zwei kleine Satelliten-Orchester (Schlagwerk, Trompete und Klarinette) sowie die Bühnenmusiker, der Semi Chorus und die großen Chöre spiegeln das Geschehen multiperspektivisch. Aus dem Off dröhnen bassige Motorengeräusche, aber auch Hundegebell und klirrendes Rasseln. Quadrophonische Hörerlebnisse geben dem Drama neue Dimensionen. 

Diese Oper lebt von der sensationellen Performance des Hamlet-Sängerdarstellers. David Butt Philip glänzt mit seinem Tenor, sein Schauspiel des schnellzüngigen, aber innerlich zutiefst verunsicherten Dänenprinzen muss man erleben: sehen, hören, spüren. Die zarte Ophelia gibt Gloria Rehm, ehemaliges Ensemblemitglieder der Oper Köln. Im Brautkleid „geht sie ins Wasser“, nachdem sie vorher den berühmten Totenschädel als Kind zur Welt gebracht hat. Dem Irrsinn der Figur verleiht sie die soprano-dramatische Tiefe, die ihr Opfer umso berührender macht. 

Beim Königspaar gefällt vor allem Dalia Schaechter als Gertrude, deren Gattenliebe hinter der nahezu inzestuösen Liebe zum Sohn zurücktritt. Tolle Mezzo-Rolle, bis hin zum lilagewandeten Bühnentod in großer Robe. Den intriganten König Claudius singt Andrew Schroeder, vor allem neben Gertrude, aber auch neben Polonius etwas blass blieb. Der Oberhofintrigant fand eine sehr schöne Darstellung von John Heuzenroeder, der auch schauspielerisch den Strippenzieher überzeugend präsentierte. Wolfgang Stefan Schwaiger ein toller Studi-Kumpel und echter Freund im Intrigantenstadl des dänischen Hofes, stimmlich einfach gut. 

Rosenkrantz und Güldenstern, die Unterhändler des Königs, besetzt Brett Dean mit zwei Counter-Tenören (Patrick Terry und Cameron Shabazi), die gackernd wie die Hühner und nach schönster Vaudeville Tradition (bis hin zum glänzenden Anzug mit pinkem Rüschenhemd) „Farbe ins Spiel bringen.“ Wunderbar, vor allem in der Zeitperspektive, Männer als Frauen singen zu lassen, wo die Frauen Bühnenverbot hatten. Joshua Bloom bewältigte drei Rollen mit Bravour: Er verkörperte und sang schön moduliert den Totengräber, den Geist und den Schauspieler. 

Ganz und gar wunderbar der Chor der Oper Bonn, in der Stimmvielfalt und im Volumen wie geschaffen für dieses Werk. Riesenapplaus für das Gürzenich Orchester, das unter Duncan Ward zeitgenössische Musik so intonierte, wie man es sich nur wünschen kann. Der sehr junge Dirigent war der ausdrückliche Wunsch des Komponisten Brett Dean. Er hat eine gute, eine wirklich ausgezeichnete Wahl getroffen. 

Die nächste und letzte Aufführung findet am Mittwoch, 11. Dezember 2019, um 19:30 Uhr im Staatenhaus Saal 2 der Oper Köln statt. 

Matildas Tipps am Rande
Als verfilmte Version des Shakespeare Dramas empfehle ich Hamlet mit Mel Gibson in der Titelrolle, Clenn Close als seine Mutter Gertrude und Helena Bonham-Carter als Ophelia. Originaltexte, sehr gut verständlich. Unbedingt mit der englischen Sprachspur anschauen. 

Zwei Romane der jeweils angesehensten englischsprachigen Autoren der Gegenwart eignen sich ausgezeichnet als begleitende Lektüre. Nutshell von Ian McEwan (GB) und Gertrude and Claudius von John Updike (USA). 

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Oper Köln © Paul Leclaire

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