Die Besten im Westen – Jugendchor des Theaters Bonn auf Erfolgskurs

A Night at the Opera –  1975 ein bahnbrechendes Album der Gruppe Queen. Leadsänger Freddie Mercury schrieb dafür den Song „Bohemian Rhapsody“ und rockte damit Stadionbühnen und Konzertsäle. Das Publikum liebte den Nummer-eins-Hit, vielleicht auch, weil manches darin so mysteriös daherkommt.  Figaro und Fandango, Galileo, Scaramouche und ein  Mord. Wie eine klassische Rhapsodie fällt das Stück in sechs Teile, stellt höchste Ansprüche an den oder die Sänger und mag auch als Bekenntnis eines wirklichen Bohemiens, eines Künstlers gelten. „Is  this the real life, is this just fantasy?“

„Nella fantasia“ – das war einer der stärksten Hits des Kinder- und Jugendchors des Theaters Bonn zum 25-jährigen Jubiläum im März 2018. In der Fantasie … da träumen die Jugendlichen jetzt gerade vom Finale des Chorwettbewerbs in NRW Der beste Chor im Westen. 

Auf der Zeche Zollverein in Essen qualifizierten sich die 46 Kinder, Jugendlichen und junge Erwachsenen zwischen 11 und 26 Jahren zunächst einmal für das Halbfinale, das sie am 6. Dezember 2019 in Köln-Bocklemünd bestreiten. „Das war eine so einmalige Erfahrung“, schwärmt Merle Claus,10-12_Merle Claus „wir sind uns bereits nach dem Auftritt selig in die Arme gefallen. So, als hätten wir bereits gewonnen.“ Da wussten sie noch nicht einmal, dass die Jury sie mit wahren Lobeshymnen in die nächste Runde katapultierte. „Gänsehaut, tolle Performance, großartig gesungen, unglaublich ausdrucksstarke Stimmen …“ Ja, das vermittelte sich auch am TV-Bildschirm, als der Chor den fünfstimmigen Gesang in den sechs Teilen des Songs im wahrsten Sinne des Wortes performte. Nicht nur die Dialoge von Jungen und Mädchen, die Soloparts und das Unisono am Ende gelangen meisterlich, auch die Choreografie saß.

„Unsere Choreografin hat wirklich versucht, den Ausdruck des Songs in tänzerische Bewegung umzusetzen“, erläutert Katja Klewitz, die Chorleiterin. „Die Zusammenarbeit mit Josephine Wirthson war wirklich toll. Wir haben uns mit Vorschlägen zum Machbaren gegenseitig beflügelt und dern Chor ist begeistert mitgegangen.“ Seit 12 Jahren leitet Katja Klewitz den Vor-, Kinder- und Jugendchor am Theater Bonn. Die Chöre führen eigene Stücke auf und setzen immer wieder Glanzlichter in den Produktionen der Oper Bonn. Wer in den letzten Jahren Carmen mit den starken Chorszenen erlebt hat und momentan Pagliacci oder den Rosenkavalier anschaut, staunt über die entzückende Bühnenpräsenz der Chöre. Für den Wettbewerb nun verlangt die Chorleiterin den Jugendlichen alles ab. Sie selbst hat Gesang (als Altistin), Dirigat, Chorleitung und Klavier am berühmten Tschaikowski-Konservatorium in Moskau studiert. Mit der rechten Hand simuliert sie das Auspressen einer Orange. „Wir wollten das Allerbeste aus dem Auftritt rausholen und alle waren hoch motiviert.“ Ob sie denn in den erwachsenen jungen Frauen wie Merle „Zugpferde“ mit im Team habe, die die Kleinen mitziehen? Katja Klewitz lacht auf und strahlt mich an: „Wir haben 46 Zugpferde!“

So, und wie war das beim Vorentscheid? – Mit dem Bus nach Essen, Ankunft erst nach 18:00 Uhr wegen der jüngeren Kinder, die nur eine begrenzte Zeit auf der Bühne sein dürfen. Da war allerdings der Green Room in den Katakomben bereits besetzt, kein Plätzchen mehr für die Bühnenoutfits zu finden, alles landete im großen Haufen auf dem Boden. Präsentation1.jpg„Da haben wir Großen, vor allem Susanna und ich, aber die Jüngeren beruhigt und alle Kostüme an uns genommen. Der Reihe nach ging es dann schließlich ganz gut. So bekam das Chaos doch Struktur“, erzählt Merle. Für alle stand zum Schminken nur eine Toilette bereit und ein Wirsingeintopf war als Essen im Angebot. Merle schmunzelt. “ Naja … Die meisten hatten sowieso eine eigene Lunchbox mit: ein belegtes Brot, ne Banane, einen süßen Riegel. Am wichtigsten allerdings die Trinkflasche mit warmem Tee.“

Lange zugige Wege, eine unterbrochene Summton-Meditation, herumspringende Hilfskräfte – von all‘ dem hat sich „unser“ Chor nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die Sängerinnen und Sänger waren mit dem Pianisten und der Band (Antonis Selemidis am Klavier, Johannes Pfingsten am Schlagzeug und Jacob Hirsch am E-Bass) vertraut und beherrschten ihren Song natürlich perfekt. „Nicht mal die Kameras waren sonderlich irritierend, eher schon, dass die Jury soooo nah vor uns saß.“, ergänzt Merle. Aber für den ersten Ton hat Katja den ersten Trick drauf. Ein Schnipsen zum Hallo-wach und dann machen alle einen kräftigen Schritt mit einer knapp 90-Grad-Drehung auf sie zu. „Das haben wir so häufig geprobt, das klappt total zuverlässig“, nickt Katja.

Und dann? Erklingt ein fünfstimmiger Gesang, der das Publikum und die Jury jubeln lässt. Nie habe er es für möglich gehalten, dass ein Chor diesen genialen Queen-Song interpretieren könnte, konstatierte Rolf Schmitz-Malburg sichtlich angetan. „Jane Comerfords Kritik hat uns auch so gefreut: qualitativ-konstruktiv, womit wir wirklich etwas anfangen können“, so Merle. Da kommen wohl ausgezeichnete gesangliche Talente mit einem tollen Arrangement genauso passgenau zusammen wie eine großartige Chorleiterin und ein musikalisches „Elternhaus“ (= Oper Bonn). So viel Fernsehpräsenz und so fantastisch erfolgreiche Auftritte machen die jungen Leute zu einmaligen Botschaftern des Theaters Bonn. Auf diese Leistung und das Engagement dürfen und sollten die Chefs des Hauses sehr, sehr stolz sein.

Was mich verblüfft: Wie perfekt die Jugendlichen dichtgehalten haben! Seit zwei Wochen wussten sie ja bereits, dass sie sich für das Halbfinale qualifiziert hatten. Standing ovations und das Lob der Jury sprachen ihre eigene Sprache! Merle lacht. „Na, das ist doch Ehrensache, dass wir alle Stillschweigen bewahren und die Spannung aufrechterhalten.“

Am Freitag, den 6. Dezember 2019, geht’s in die nächste Runde: 19-12_Katja Klewitz.jpgHalbfinale in Köln, quasi ein Heimspiel. Was hören wir? Hui, das muss aber jetzt wirklich geheim bleiben! Nur so viel: Merle singt ein Solo und Katja hat achtstimmig arrangiert. Am Vortag beschnuppern sie bei der Generalprobe schon mal die location. Sind die Jugendlichen aufgeregt, weil manches vermutlich anders sein wird? „Das lässt sie ziemlich kalt“, sagt Katja, „wir proben ja auch, wie wir mit kleinen Pannen umgehen und wie wir ganz konzentriert bei uns, in der Gruppe und im Gesang bleiben.“ „Eigentlich freuen wir uns nur riesig, noch mal die Chance zu haben, gemeinsam aufzutreten und gleichzeitig im Fernsehen zu sein. Und natürlich wollen wir alle ins Finale.“, ergänzt Merle. Am 13. Dezember 2019 kämpfen dann die letzten fünf Chöre um die oberste Stufe auf dem Treppchen. Live!

Drei Wochen vor Weihnachten werden auch vielleicht andere Wünsche wahr. Was die 19-jährige Merle sich im „real life“ wünscht“? Ihre Aufnahme an der Folkwang Schule Essen im Studiengang Musical mit Gesang und Tanz. Sie spielt Geige und Klavier, hat im Vorchor mit sechs Jahren begonnen, an der Oper zu singen. Kann sie auch tanzen? Das hat sie auf Leistungsniveau gelernt. Und die Chorleiterin? Privat ein paar Tage Ausspannen in ihrer Heimatstadt Moskau oder in Italien, vorzugsweise Ravenna, wo sich auch Ricardo Muti oft aufhält. Und musikalisch den jetzt eingeschlagenen Weg weiterverfolgen, mit diesen hochtalentierten jungen Leuten mehr TV-Show und Performance einstudieren. Real life – no fantasy! Da bin ich mir sicher.

Wer in einen Wettbewerb geht, braucht Fans. Wer sich einem Voting stellt, der braucht aktive Fans. Wer unseren Jugendchor im Finale erleben und schließlich mit Lokalstolz auf dem Siegertreppchen sehen will, der hält am Nikolausabend das Smartphone bereit. Anrufen, smsen, whatsappen, was das Zeug hält. Die Modalitäten geben die Moderatoren in der Sendung bekannt. Dann gilt mehr noch als Dabei sein ist alles: GEWINNEN IST ALLES.

Unbedingt WDR 3 einschalten am Nikolausabend, 6. Dezember 2019, um 20:15 Uhr,
Der beste Chor im Westen.

 

 

 

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