Der Rosenkavalier – wahre Zukunftsmusik

Wie leicht verfallen wir im Rheinland doch dem Wiener Charme. Und um wieviel mehr, wenn er mit einer auskömmlichen Portion Schmäh gewürzt ist! Auf die Bühne, zu Gehör gebracht und verkörpert von Christoph Wagner-Trenkwitz, dem Chefdramaturgen der Volksoper Wien. In Österreich ein gleichermaßen kenntnisreicher wie eloquenter Musikjournalist und Klassikmoderator, leitet er nun die Dramaturgie für die erste Opernpremiere der Spielzeit 2019/20, Der Rosenkavalier von Richard Strauss.

Aber nicht seine Innensicht gestaltete die Matinee zum Rosenkavalier so unterhaltsam, sondern seine Rolle als Moderator, der geschickt zwischen Hörproben vom Band, Gesprächen und live gesungenen Arien und Duetten pendelte.  Schlagabtausche, Seitenhiebe, Retourkutschen zwischen ihm, dem Generalintendanten Bernhard Helmich, GMD Dirk Kaftan und den Solistinnen und Solisten inbegriffen. Und nicht nur das Publikum, sicher 120 Gäste, sondern auch die Akteure auf der Bühne amüsierten sich köstlich.

Der Inbegriff einer Wiener Oper steht auf dem Spielplan. Dazu dichten und komponieren das nach der Elektra als Erfolgsduo gefeierte Team Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in der Rekordzeit von 17 Monaten dieses großartige Werk. Von der Kritik nach der Premiere 1911 verrissen als Mesalliance mit der Operette und vom Publikum bis heute geliebt. Worum geht’s? Auf den kleinsten Nenner gebracht: drei Stände, drei Akte. An drei Schauplätzen, dem Boudoir der Marschallin, einem Saal des Palais Faninal und einem Extrazimmer in einem Gasthaus, dem legendären Beisl, treffen der Hochadel, das reich gewordene und nachgeadelte Bürgertum und schließlich die Dienerschaft und die liebenswerten Gauner aufeinander – in den unterschiedlichsten Konstellationen. Kurz – die Oper zeichnet ein Bild der gesamten Gesellschaft, die Hofmannsthal und Strauss in die Regentschaft von Maria Theresia, genauer gesagt in das Jahr 1740 verlegen. Eine „Mozartoper“ sollte es werden, heiter und vergnüglich, aber eine „Komödie mit Tiefsinn“. *

Die Handlung in aller Kürze: Die Marschallin, eine adlige Dame Anfang 30, hat einen Jüngling – Octavian, 17 Jahre und 2 Monate – zu ihrem Liebhaber auserkoren. Ihr bäuerlicher Cousin Baron Ochs auf Lerchenau – beleibt, ungehobelt, älter – will sich mit Sophie – 15 Jahre alt, frisch aus der Klosterschule – verbinden. Der Deal? Alter Adel mit frischem Geld. Natürlich haben diese Akteure die Rechnung ohne die „Liebe auf den ersten Blick“ gemacht.  Denn als Octavian als Symbol für den Heiratsantrag Sophie die silberne Rose überreicht, schlägt bei den beiden Jugendlichen der Blitz ein. Am Ende steht der grobschlächtige Baron Ochs düpiert da, die Marschallin übt großmütigen Verzicht und die Liebenden kriegen sich. Der Plot geht zurück auf die sechs Bilder von William Hogarth’s Serie Marriage à la Mode, entstanden in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie zeigen die Folgen einer solchen arrangierten Hochzeit von nicht füreinander geschaffenen Menschen.

Mit feinem Sinn für Untertöne präsentiert Wagner-Trenkwitz die Ouvertüre, die „eine Liebesnacht zu Ohren bringt, die man sich auf der Bühne nicht vor Augen zu führen traute.“ Und beim „Zwitschern der Vögel“ aus dem Orchestergraben wissen wir – diese Nacht ist vorüber und wir können jetzt auch jugendfrei zuschauen. Das Lever der Marschallin gipfelt im ersten, leichten und schwebenden Monolog „Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?“, vorgetragenen von Martina Welschenbach, die mit dieser Rolle ihr Debut an der Oper Bonn gibt. Im 2. Akt kommt sie nicht vor (da geht sich ja fast noch ein Kino aus …), gilt aber dennoch als die Hauptfigur des Werks – die philosophische Tiefe des Stücks liegt in ihrer Selbstreflexion. Dazu der Moderator: „An Hofmannsthal kann man sich ja auch kaum satt lesen, so sensibel hat er die Seelenlage der Frauen dargestellt.“

Dieser feinsinnige, kultivierte und hochgebildete Dichter drückte im zweiten Monolog der Marschallin „Die Zeit“ aus, was ihn selber ausmachte. Stark autobiografische Züge trage die Marschallin, attestierte Arthur Schnitzler. Die Zusammenarbeit mit Richard Strauss gestaltete sich nicht immer ganz geschmeidig. Und insbesondere beim Titel für das Werk setzte sich der Librettist, gemeinsam mit Strauss‘ Frau Pauline, durch. Wollte Strauss durchaus den Ochs im Titel verewigen – sei es schlicht  mit dessen Namen oder mit „Ein Grobian in Liebesnöten“ – behauptetet sich seine dynamische Muse. „Mir gefällt der Rosenkavalier gar nicht, mir gefällt der Ochs! Aber was will man machen. Hofmannsthal liebt das Zarte, Ätherische, meine Frau befiehlt: Rosenkavalier. Also Rosenkavalier! Der Teufel hol ihn!“**

 Wie steht nun – gerade in Bonn – Der Rosenkavalier in der Chronologie der Strauss-Opern? Nach der Elektra die heitere Note. Eine Vollbremsung? Ein Rückschritt? Eine altmodische Kehrtwende hin zum Gefälligen? Eine Kapitulation vor der Moderne? – Nein, pariert Dirk Kaftan. Der Stoff dieser Oper verlange doch eine viel tonalere Musiksprache. Strauss habe ein Meisterwerk geschaffen, indem er Barockelemente, Mozartanklänge, Volkslieder, anspruchsvolle Arien, Duette und Trios und die Walzer gerade mit diesen Stilbrüchen verbinde.  Der Wiener Moderator fragt nach: Welche Bedeutung denn der Walzer für die Oper habe.  Eine Steilvorlage für Kaftan – schlagfertig wie immer: Das fragt nun der Wiener den Deutschen!

Tatsächlich ist für den Bonner GMD der Walzer ein musikalisches Sexsymbol, nicht umsonst sei er oft zensiert worden. Diese Musik lässt eine ganze Gesellschaft durchschimmern; sie entlarvt Wahrheit und Lüge, Kostüm, Maske und Sehnsüchte. Schließlich sei er ja das Markenzeichen, quasi trademark@wien geworden, wirft Franz Hawlata, der den Ochs singt und spielt (!) nach seiner Paradearie „Ohne mich … “ als Sidekick ein. Im Duett mit Anjara Bartz spielte er die Zettelszene – im vollen Bewusstsein seiner bräsigen erotischen Ausstrahlung – und beorderte sie mal gleich nächtens samt Schreibzeug in sein Zimmer. Dazu gab’s statt einem Trinkgeld einen Klaps auf den Po. Drei Liebschaften auf einmal – der Mann hat’s drauf!

Best buddy mit dem Moderator der Matinee – das war sofort klar. Wagner-Trenkwitz_Hawlata_2Am Abend zuvor noch hatte Franz Hawlata in Berlin gesungen, aber „wenn Christoph (Wagner-Trenkwitz) ruft, dann komme ich.“ Bereits mehr als 600 mal hat er den Ochs gesungen, mit dieser Rolle an der Met debütiert. Passiert da überhaupt noch etwas Neues? Aber sicher – er fühle sich als Sänger wie ein Briefkasten, in den Regisseure, Dramaturgen, Dirigenten kleine Notizen einwerfen, die er dann verwerte. Was an der Rolle so herausfordernd sei? Naja, der Ochs habe ja Text für drei Opern, und es gehe gleich mit dem schwierigsten Part los. Strauss habe das völlig durchschaut und es genau so komponiert, dass man als Sänger gar nicht erst auf den Gedanken komme, das sei jetzt lässig wie ein Spaziergang. Strauss fordere einen und wisse ganz genau, „wie er die Sänger auf Touren bringe.“ Und ganz nebenbei bemerkt – von Tenören habe Strauss nicht viel gehalten und sie mal gleich zu Beginn „geschlachtet.“

Dirk Kaftan hatte sichtlich Spaß an der Briefkasten-Metapher. Seine Absicht? Dass es ihm mit dem Orchester und den Solisten gelingt, den Text gut rüberzubringen, die Oper vom alten Samt und Brokat zu befreien und mit einer jungen Besetzung das Stück authentisch und mitreißend zu spielen. Er fügt hinzu: „Neu erfunden habe ich nichts.“ Und dann – keine Matinee ohne Kaftan am Klavier. Da läuft er zu Hochform auf. Da hat er ein echtes Sendungsbewusstsein und da hilft er dem Publikum auf die Hör-Sprünge. Er spielt Leitmotive an, spürt Johann-Strauß-Walzer auf, ent-deckt die gesamte Thematik in der musikalischen Ausformung. Er zeigt, wie Strauss die Vergänglichkeit in der Musik auf die transzendente Ebene hebt und damit seinen einzigartigen Sog erzeugt.

So viel zum Hören. Was werden wir sehen? Der Regisseur Josef Ernst Köpplinger ließ sich entschuldigen, statt seiner ordnete Dagmar Morell das Bühnenbild in die Zeit ein. Die Entstehungszeit (1909/10) hat die Regie der gespielten Zeit (1740) vorgezogen, allerdings mit Barockgemälden an der Wand und einem Spiegel die Vanitas-Thematik verbildlicht. Die Eitelkeit, das Vergängliche – wie die Rose, die der Oper den Namen gab. Übrigens – die Tradition, bei der Brautwerbung eine silberne Rose überreichen zu lassen, hat Hugo von Hofmannsthal frei erfunden.

Ach ja, die Rose. Endlich tritt das junge Liebespaar auf. Schlussduett mit Liebesschwur. Wunderbar besetzt mit Louise Kemény undEmma Sventelius Emma Sventelius, Sopran und Mezzosopran, die beide nun fest im Bonner Ensemble singen. Louise hat bei ihrem Debut im vorigen Jahr Bonn mit ihrer Romilda in Xerxes verzaubert – die kann junges, verliebtes Mädchen! Emma hat den Cherubino, eigentlich die folgerichtige Vor-rolle für große Hosenrollen, einfach übersprungen und debutiert nun in Bonn gleich ganz groß als Octavian, alias Quin-quin, alias Rofrano, ein junger Herr aus großem Haus. Aber – den Cherubino holt sie nach, in der Wiederaufnahme des Figaro im Laufe der Spielzeit.

Resumee? Eine Oper, die mit ihrer Komplexität nicht nur zukünftig zu hören sein wird, sondern kompositorisch wahre Zukunftsmusik darstellt. Freuen wir uns auf die farbenreichste Musik, die es gibt, eine einzigartige Finesse in der Instrumentierung und ein Stück, das durch seine „taktvolle“ Vielfalt einen unnachahmlichen Sog entfaltet.

Die Premiere findet am 6. Oktober 2019 um 18:00 Uhr statt. Karten gibt es hier.

* Eine hübsche Zusammenfassung auf Englisch gibt es hier. 

**Marianne Zelger-Vogt, Heinz Kern, Strauss, Der Rosenkavalier, S. 42

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