Makropulos – ein Fall für die Opernbühne

Ein Krimi, ein juristischer Streit, ein Prozess um eine  Kostbarkeit – so lässt sich der Plot der Oper Die Sache Makropulos von Leoš Janáček auf die kleinste Formel bringen. Worum es im Detail geht? Das empfahl der Moderator der Matinee zur anstehenden Premiere des Stücks im Opernführer nachzulesen. Was er dem Publikum aber schon heute mitgab: den Namen des Komponisten auf der zweiten Silbe zu betonen. 

Als Talk-Gäste hatte der Musikjournalist Michael Struck-Schloen  Hermes Helfricht,  Christopher Alden und Dr. Bernhard Helmich um sich versammelt: zwei Bonner und einen New Yorker. Humorvoll, schlagfertig und mit passgenauen Pointen stellte der weltweit renommierte Regisseur Alden sein Konzept vor. Christopher Alden_2„I am the cute one“, klärte er gleich die Abgrenzung zu seinem ebenfalls als Regisseur sehr erfolgreichen Zwillingsbruder David fest. Der Vater war Dramatiker und seine Mutter Tänzerin, die noch performte, als sie mit den Jungen schwanger war. Allabendlich stand Annie get your gun auf dem Programm und formte Christopher und David nachhaltig. Wer immer wieder  „There’s no business like show business“  im Mutterleib hört, erfährt eine pränatale Prägung, die einen bürgerlichen Beruf wie Arzt vollkommen ausschließt.

1926 die Uraufführung der Oper dieses tschechischen Komponisten, dessen Werke zunächst im mährischen Brünn uraufgeführt wurden, also praktisch auf dem Dorf. Man winkte ab: ach die Folklore, die Tänze,  das Märchen. Janáček wurde erst Ruhm und Ehre zuteil, als er über 60 war. Was macht ihn aus der Sicht des Dirigenten und des Regisseurs so spannend und aktuell? Wir hören das Vorspiel und die Deutung leuchtet ein: Über der Rhythmik liegen die Streicher und Posaunen wie aus der Ferne. Zwei Elemente verbinden sich – die elektrisierende Musik mit dem Pulsschlag einer modernen Stadt um 1920 (Prag) mit „honking horns and shouts from the past“, das Hektische dem Emotional-Sentimentalen der fernen Regentschaft des Jahres 1600 gegenübergestellt.

Das bildet den großen historischen Bogen des Opernplots ab. Rudolf II, letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation und ungefährer Zeitgenosse Shakespeares, war den Künsten sehr zugetan. So lebte an seinem Hofe der Maler Giuseppe Arcimboldo, dessen allegorische Porträts aus Obst und Gemüse wohl einmalig in der Kunstgeschichte sein dürften. Wie in der Zeit üblich, beschäftigte auch er einen Alchimisten, Hieronymus Makropulos, der ihm kein Gold, sondern das Wunder des ewigen Lebens schaffen sollte. Der Zaubertrank gelang und als Versuchskaninchen diente seine Tochter. Sie kostete, versank ins Koma, der Vater ging ins Gefängnis – aber Elina wachte wieder auf und lebte nun die zunächst versprochenen 300 Jahre.

Nahezu surreal mäandert nun die Protagonistin durch die Jahrhunderte, ändert ihren Namen wie die Zahl ihrer Liebhaber – sehr oft! Sie ist eine schöne, begehrte und sehr erfolgreiche Sängerin, die äußerlich ihre Jugendschönheit bewahrt, innerlich und seelisch aber schwer traumatisiert das (und ihr langes) Leben voller Zynismus verabscheut. Sie will endlich sterben. Jetzt weiß sie alles, aber in ihr lebt das 16-jährige Mädchen. – „Wie in uns allen“, wirft Alden ein.

Hermes Helfricht pflicht dem Regisseur in allen Details bei und schwärmt von der Musik, so ganz anders als Wagner und Verdi. Gleichgültig, was man von Janáček hört, nach den ersten Takten erkennt man dessen Tonsprache. Er sei ein Meister der musikalischen Konversationskunst mit einer spannungsgeladenen Harmonik, die tonal jede Figur und jede Szene in eine besondere Atmosphäre setzt. Bekannt ist ja, dass der Komponist aus seinen Sprachaufnahmen und Dokumentationen nahezu einen Fetisch machte. Er notierte die Sprache der Marktfrauen wie der Ärzte, der Dienstmädchen wie  der Bauern. Er soll in London 150 verschiedene Aussprachen und Flexionen des Wortes „yes“ akribisch aufgeschrieben haben.

Das Libretto hat der Komponist mitverfasst, auf der Grundlage eines Schauspiels von Karel Čapek, und daraus einen Krimi gemacht. Auch die Bonner Sängerinnen und Sänger singen auf Tschechisch: Nur so geben sie dem vorauspreschenden Rhythmus, dem Tempo Ausdruck. Beim Rollenstudium ist dazu  mehr denn je ein Sprachtrainer notwendig, der die Produktion im Haus unterstützt.

Hatte der Moderator schon etwas näselnd mehrfach die korrekte Betonung des Namens Janáček herausgestellt, erntete er entrüstet-amüsiertes Lachen für seine Frage an Alden. „Will der Regisseur zeigen, dass Frauen mehr als Männer auf Schönheit als ihr Kapital zählen?“ Oho, die Antwort kam prompt. Keineswegs, Männer seien doch so viel eitler, wollten immer jung, vital und stark bleiben. Bereits 2006 hatte Christopher Alden die Oper für die English National Opera inszeniert; die Produktion stand dann 2008/10 in Prag auf dem Spielplan. Also nur eine Rekreation dessen, was schon erfolgreich gelaufen ist? Da schüttelt Alden den Kopf. Bonn sei nun wirklich ganz anders als London.  Neuer Dirigent, neues Orchester, neues stage management, neue Sängerinnen und Sänger. Jeweils  eine ganz andere „group of people“ , die an „the same thing“ arbeiten. Und landet sogleich einen Lacher bei der Frage nach der challenge. „Die Sängermentalität ist ein universelles Thema.“ 

London heißt im Moment auch zwangsläufig Brexit. Generalintendant Helmich führte aus, wie Kooperationen funktionieren. Das Theater Bonn übernimmt aus der Kooperation mit der Welsh National Opera den Bühnenaufbau und die Requisiten für Die Sizilianische Vesper aus Cardiff mit einer geplanten Übergabe von zwei Wochen. Sollte es aber Grenzen und Zölle geben … Schade, dass der Brexit all das ruinieren wird, so der Regisseur.

Wie immer in der Matinee eine Kostprobe. Yannick Muriel Noah_4.jpgYannick Muriel Noah in der Hauptrolle der Emilia Marty, Ivan Krutikow als Baron Prus. Der Baron hat in seinem Landsitz das Rezept für den Lebenstrank verschlossen. Er drängt Emilia zur Hingabe, zu einer Liebesnacht als Preis für das Dokument. Alden verrät, dass er die Protagonistin für diesen Moment der Unterwerfung auf einen Katafalk bettet; sie ist so gut wie tot. 

Hier spürt man Aldens Leidenschaft für sein Sujet. Er schwärmt von einer ähnlichen Situation zwischen Tosca und Scarpia – mit umgekehrten Vorzeichen. „Puccini und Händel sind die besten Dramatiker unter den Komponisten. Mozart komponierte mehr für die Sänger und die Stimme, und im Belcanto bedienen die Komponisten die canary-fanciers – für die, die sich an Gezwitscher erfreuen. Erst dann kommt mit Britten und Janacek wieder Tiefe ins Operngeschehen.“

Den Bogen bildete auch die psychologische Deutung. Emilia Marty hat 300 Jahre in einer patriarchalischen Welt gelebt, wurde durch männliche Allmachtsfantasien schwer traumatisiert. Männer fürchten und begehren sie; und in der Entstehungszeit kamen die ersten Schönheitsoperationen in Mode. Geht es auf der tieferen Ebene auch um Persönlichkeit, Individualität, um eine philosophische Frage? – Am Ende des Stücks stirbt die Heldin nach 356 Jahren und das begehrte Dokument geht in Flammen auf. Alles nur Schall und Rauch?

Bernhard Helmich, verantwortlich für die Auswahl der Stücke einer Spielzeit, hatte plausible Argumente für Janáček. „Er hat eine eigene Tonsprache entwickelt, eine eigene musikalische Welt geschaffen und markiert den Aufbruch in die 12-Ton Musik, den Jazz und die populäre Musik.“ Viele gute Gründe, die Oper in Bonn auf die Bühne zu bringen.

Freuen wir uns auf die Premiere am 7. April 2019. Karten gibt es hier

Und wer Die Sache Makropulos vergeblich in seinem Opernführer sucht, der findet eine sehr kompakte Zusammenfassung des Inhalts tatsächlich auf wikipedia.

 

3 comments

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  1. arcimboldis_world

    Wie herrlich. Nach „Elektra“ nun das tolle Werk „Makropulos“, auch hier werden bei mir tolle Erinnerungen wach, ich habe in jungen Jahren bei diesem Stück meine erste Regiehospitanz am Staatstheater Nürnberg bei John Dew gemacht mit Elizabeth Whitehouse in der Titelrolle, das war super. Janacek liebe ich sehr….. leider wird „Makropulos“ viel zu selten gespielt – schade, schaffe ich es gerade nicht nach Bonn……………….ganz viele Grüsse aus Zürich! A.

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      • arcimboldis_world

        Unbedingt! ich war noch nie in Bonn, geschweige denn in der dortigen Oper. Bin Anfang Mai für ein paar Tage in Köln, schaffe es aber nicht, habe ich vorhin terminlich gecheckt, bin aber zumindest für einen Abend in Düsseldorf eine Produktion von Martin Schläpfer anschauen….. – wir schaffen das schon! Wir bleiben dran…..

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