Der Karneval der Tiere im Arp Museum Rolandseck

Zwei Weltstars gaben sich die Ehre – der international gefeierte Bariton Aris Agiris und das wohl berühmteste Tier der Musikliteratur, der Schwan von Camille Saint-Saëns. Wer und was tummelte sich sonst noch aus Flora und Fauna auf der Bühne des Arp Museums im Bahnhof Rolandseck?

Da gaben sich im Vortrags- und Musiksaal Affen und Paradiesvögel, Kühe und Pinguine, Marienkäfer, Enten, Schweinchen, Frösche, Tiger, ein Paradiesvogel und das Einhorn aus der Fabelwelt ein Stelldichein. Schön anzuschauen, die Kostüme der Gäste! Das Tüpfelchen auf dem tierischen I war das Bienchen: Susanne Gundlach flog als Maja von musikalischem Blütenkelch zu sängerischem Fruchtstengel und flocht zauberhafte Details zu Stücken und Interpreten in ihre Moderation ein. 

Ach wenn doch Karneval immer so witzig, so geistreich, so vergnüglich und so musikalisch perlend wäre! Weg vom wum-ta-ta hin zu einer Entdeckungsreise. Welche Komponisten haben Tieren musikalische Denkmäler gesetzt? fragte sich der künstlerische Leiter der Johannes-Wasmuth-Gesellschaft, Torsten Schreiber, in seinen schlaflosen, kreativen Nächten. Einmal angefangen, ließ sich der Bogen spannen von unseren Bonnern Beethoven und Schumann über Rossini und Banchieri hin zu Ravel, Bartok, Saint-Saëns, Pablo Casals,  Rimsky-Korsakov, Mahler, Quiel und Widmann. Eine illustre Gesellschaft, deren Werke ein Reigen von großartigen Interpreten an Flügel, Cello und Stimme darboten. 

Herrliche Parabeln auf die menschlichen Makel bietet die Tierwelt in der Literatur. So stammt das erste Lied des Abends aus Goethes Feder: „Der Floh“ erhält einen Platz bei Hofe und quält und sticht … Aris-Agiris_Peter-Bordfeldt_2-2019Aris Agiris trug die amüsante Pointe mit einem Augenzwinkern vor, wie immer kongenial begleitet von seinem Freund Peter Bortfeldt. Aris‘ Zugang zu Tieren? Für den Familienmensch gehört sein Golden Retriever „Figaro“ einfach dazu. In seiner Heimat Griechenland erlebe er immer das Leid der Straßenhunde und -katzen. Da sei es an der Zeit zu helfen. 

Der Karneval der Tiere entpuppte sich als Benefizkonzert für das Tierheim Bonn; die rund 20 Mitarbeitenden und die vielen ehrenamtlichen Helfer können sich wohl auf eine kräftige Finanzspritze freuen: Alle Einnahmen des Abends fließen in ihre segensreiche Aufgabe. 

Ein kleines weißes Eselchen tanzte über Peter Bortfeldts Pianotasten ebenso wie ein Bär und ein Drache, bevor er sich mit Edvard Grieg und Robert Schumann in die Lüfte begab. Schmetterlinge und Vögelein, hold und schön, in melancholischer Stimmung. Augen schließen und genießen! 

Manuel_Rafael_Lipstein_2-2019Dann von der afrikanischen Halbwüste zum Südpol. Als Zebra und Pinguin gestylt treten die Brüder Rafael und Manuel Lipstein auf – die Stars von morgen! Sie lassen den Schwan von Camille Saint-Saens so elegant über das Wasser gleiten, dass man in der Schönheit der Interpretation versinken möchte. Welche Anmut! Aber dann heißt es, raus aus dem Schwelgen und Obacht. Manuel setzt zum Hummelflug an und … hebt ab. Das Stück von Nikolai Rimsky-Korsakov mit behänder Akrobatik auf den Saiten, in atemberaubendem Tempo des Bogens, mit nahezu frivoler Fingerfertigkeit. Chapeau! Und begeisterter Applaus. 

Der ältere Bruder Rafael fügt nun dem Tempo die Tiefe hinzu. Er interpretiert den traurigen „Gesang der Vögel“ von Pablo Casals genauso einfühlsam den Flug des Schmetterlings aus Robert Schumanns Karnevalsliedern. So zart der Flügelschlag, so virtuos das Spiel. Da rutschen ihm glatt die Zebraöhrchen vom Kopf – pures Spiel ohne Beiwerk! Von diesem hoch talentierten Bruderpaar werden wir noch hören – aus „Best of NRW“ entwickeln sich vermutlich rasch die Parameter in „Deutschland oder Europa“.

Mit Kunstliedern sind wir bei Gustav Mahler in bester Gesellschaft. Genauso wie mit der Mezzosopranisten Mechthild Georg. Wie ließ sie erst die Nachtigall bei ihrem Gang „mit Lust durch einen grünen Wald“ erklingen, um dann den Esel im allseits bekannten Sängerstreit zwischen der Nachtigall und dem Kuckuck als Richter zum Urteil zu bitten. Wie fällt der liebliche Gesang der Nachtigall gegen den simplen „Sang durch Terz und Quart und Quint“ aus? Nun des Grauschimmelchens große Ohren qualifizieren ihn zum Preisrichter – und da punktet das Einfache. Eben ein pikantes Loblied auf den „hohen Verstand“.

Wenn dann Löwe, Tiger und Leoparden ein Treffen in der Arena haben, sind wir in Schillers Ballade „Der Handschuh“, meisterlich vertont von Robert Schumann. Auch dieses Stück eine eindringliche Parabel auf die Arroganz der Macht und Mordlust. Wir wissen es alle: Der Ritter lässt seine Herzdame kühl abtropfen nach seinem Blick in deren menschenverachtende Seele.  Im Mezzo waren diese Lieder mit ihren Protagonisten als konsequente Gegenspieler wunderbar angesiedelt, in der ganzen Bandbreite von Höhen und Tiefen. 

Nicht nur die Lipstein Brüder machen Musik zur Familiensache – die Georg Damen breiten Talent und Können auf Mutter und Tochter aus. So beglückte Uta Christina das Publikum mit ihrer jungen, starken Stimme. Da hörte man die Lehrmeisterin, ihre Mutter Mechthild. Ihr erster Beitrag war das Lied „An die Waldvögelein“ nach dem Gedicht vom großen Romantiker Joseph von Eichendorff. Die Komponistin Hildegard Quiel machte sich mit Vertonungen von Lyrik bereits im frühen 20. Jahrhundert einen Namen. 

Gustav Mahlers „Rheinlegendchen“ hob sie neckisch und mit fein ziseliertem Schluss aus der weinseligen Laune der Ausflugsdampfer hervor. „Bald gras ich am Neckar, bald gras ich am Rhein …“ das gefiel 30 Meter über dem großen Strom allen ganz ausgezeichnet. Die beiden Georgs begleitete Jing Young am Klavier sehr einfühlsam und in bester Übereinstimmung, ein weiteres junges Talent des Abends. 

Auf Samtpfötchen und mit Katzenöhrchen im Haar glitzerten die beiden Mezzosopranistinnen Mechthild und Uta Christina Georg zurück auf die Bühne. Finale? Noch nicht ganz! Dafür hatte sich Torsten Schreiber noch etwas ganz Entzückendes einfallen lassen. Aber zunächst setzten Mutter und Tochter zum faszinierenden Katzenduett aus der Feder von Gioacchino Rossini an. Sie jaulten und fauchten, quietschten und ziepten, schimpften und schmollten – alles auf Katzisch mit einem einzigen Wort aus fünf Buchstaben: miau. Und wer gewann dieses feline Duell? Das junge, freche Kätzchen, das einen fulminanten Schlusslaut setzte. Einfach fabelhaft. 

Bevor nun die drei schönsten Kostüme des Abends gekürt und mit einem Abo für das Rolandseck Festival belohnt wurden, kam das sehr gut gestimmte Publikum in den Genuss einer Weltpremiere. vokalensemble animali_2-2ß19Eigens für dieses Programm gründete sich das Vokalensemble Animali aus Sängerinnen und Sängern des Bachchors und den beiden Solistinnen. Nää, watt war datt schön … wie sie zwei Barockstücke in den rheinischen Frohsinn importierten! Mit sängerischer Klasse selbstverständlich. „Der Floh“ von Erasmus Widmann hatte seinen zweiten Auftritt des Abends und die tierischen Kontrapunkt-Improvisationen auf der Basslinie von Adriano Banchieri ließen das Publikum jubeln. Hier kamen Hund, Katze, Maus sowie Eule und Einhorn zum Einsatz – eine fantastische Kakophonie der musikalischen Art. 

So heiter schloss der Abend, auch ein „Karneval der Tiere“, der jede Erwartung übertraf. Großartige Auswahl von Musikstücken (eben viel mehr als die Dschungelszene von Saint-Saëns), hervorragende Interpreten, super Stimmung (wie es wohl bei einer „richtigen“ Karnevalssitzung hieße) und glückliche Menschen. Susanne Gundlach fügte ja gleich zu Beginn zu unserem Verständnis von Karneval eine historische Komponente hinzu. Feste, an denen die Arbeit ruhte, zu denen die Standesschranken aufgehoben waren und wo die Menschen dem Frohsinn und dem Vergnügen frönten, gehen zurück auf die Zeit von vor 5.000 Jahren in Mesopotamien. Lassen wir diese Tradition immer wieder aufleben – auch mit Stil, Kunst und Musik!

Alle Fotos mit der freundlichen Genehmigung von Dr. René Meyer. Vielen Dank!

Übrigens – Manuel und Rafael Lipstein spielen am 10. Februar 2019 ein Konzert im Kammermusiksaal des Beethoven Hauses in Bonn. Infos und Karten zu Young Stars hier.

www.wasmuthgesellschaft.de
www.manuellipstein.de
www.rafaellipstein.de
www.mechthild-georg.de
www.utachristinageorg.de
www.arisargiris.com
www.liedwelt-rheinland.de/bortfeldt-peter

 

 

 

 

 

 

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