Der Heldenbariton mit Humor – A Lunch Date mit Mark Morouse

Salzburg. Das Mozarteum. Ein Traum, den viele ehrgeizige junge Talente hegen. Hier begann Mark Morouse sein Studium der Bassposaune und schwenkte dann auf Gesang um. Sein Hochschullehrer Rudolf Knoll riet ihm dazu und schickte ihn gleich zu Beginn zum Vorsingen an der Bayerischen Staatsoper ins Nationaltheater München – mit genau zwei Arien im Repertoire.

Darüber lacht er heute noch fast Tränen. Wie er dastand und nahezu gelähmt die große Arie des Grafen Almaviva aus dem Figaro darbrachte. Alles gute Zureden half nicht; er brachte keine Geste, weder groß noch klein, zustande. Das Verdikt fiel dementsprechend aus: tolle Stimme, großes Potenzial, aber „ein wenig zu brav auf der Bühne“. Mit anderen Worten, ein bisschen (!) Schauspielern gehört in der Oper auch dazu.

Das liegt über 30 Jahre zurück und wer Mark im Juni und Juli als Oberst Chabert auf der Bühne des Theaters Bonn erlebt hat, kann nur bestätigen: Da stimmt jetzt das Gesamtpaket. Vom lyrischen über den Kavaliersbariton hat er seine Stimme zum mächtigen Heldenbariton entwickelt, der in der zweiten Premiere der Spielzeit 2018/19 wieder zum Einsatz und Ausdruck kommt. Er studiert gerade die Partie des Friedrich von Telramund in Wagners Lohengrin ein. „Zum ersten Mal arbeite ich in dieser Produktion eng mit Dirk Kaftan zusammen, zum ersten Mal auch mit Dshamilja Kaiser. Sie singt die Mezzo-Partie der Ortrud. Darauf freue ich mich außerordentlich. Der Friedrich allerdings wird eine anstrengende Rolle. Sehr hoch und fast immer fortissimo, von Kennern oft schwieriger eingestuft als der Wotan. Dennoch stehen Wagnerpartien als Heldenbariton ganz oben auf seiner Wunschliste.

„Heute geben wir alles“, sprach der Kellner, als er uns auf der Terrasse großzügig und fürsorglich mit Decken und Kissen ausstattete. Der Sommer macht ein paar Tage Pause und ein frischer Wind hält die Temperaturen unter 20 Grad. Wir wollen trotzdem draußen sitzen und in Ruhe reden. Und auch ein bisschen rumalbern. Gleich zum Auftakt erzählt er mir vom running gag in seiner Familie. Wenn eine Bedienung sich lange Zeit lässt und Blickkontakt vermeidet, raunt sein Sohn ihm zu „Don’t make me use my opera voice!“, will sagen „es könnte gleich laut und sehr deutlich werden.“

Sprache entwickelt sich zu einem Thema bei unserem lunch date. Auch als erfahrener Sänger hat er nach wie vor Stimmtraining und feilt an seiner Technik, um gerade den Vokalen im Text die richtige Farbe zu geben. „Der Gesang soll ja im besten Fall verständlich sein. Das gelingt mit sauberen Vokalen am ehesten. Wer drei bis sieben ‚t‘s oder ‚p‘s am Ende prononciert, und meint, das sei der Schlüssel zur guten Textverständlichkeit, der irrt.“

Den Kavalierbariton hat er hinter sich gelassen “For roles like Don Giovanni there were always singers more handsome than me”, he explains with a twinkle in his eye. Aber im richtigen Leben ein Kavalier erster Güte. DSC_0040.JPGEr wählte als Treffpunkt ein Restaurant, wo wir ein leckeres Essen mit einer herrlichen Aussicht von der Terrasse verbinden. Für mich von zu Hause aus so nah, dass er meinte: “All she has to do is roll out of bed and get there“. Das bedeutete aber für ihn ein bike ride von mehr als 35 km, uphill and downhill, over the bridge and far away.

Er steigt vom Rad und ich bin ganz geflasht von so viel Eleganz und technischem Design. Sagte ich Fahrrad? Ich meinte Maschine, die ab unter 25 km/h den Elektromotor zuschaltet. Ein E-Bike also, das absolut slick, smooth and shiny daherkommt. Mit Navi im Smartphone, das sich immer mal wieder mit „What can I do for you“ ins Gespräch schaltet, weil Siri sich angesprochen fühlt, wenn wir von singing sprechen. Das ist das Stichwort. Nicht nur Siri spricht Englisch, sondern auch Mark, der aus Detroit, USA, stammt, und ich.

Mark fährt mit seinem Porsche auf zwei Rädern zum Proben und auch zu den Vorstellungen. „It’s good for the environment, it’s cheaper, and it’s healthier.“ Das imponiert mir sehr und macht ihn gleich noch sympathischer. Fit hält er sich im Dreiklang, by a triad of regular activities: the gym, the golf course and his bike. Dabei sind die sportlichen Einheiten an der frischen Luft mit Sicherheit ein bonus track für seine Stimme und seinen Gesang.

Erwähnte ich schon what fun it is to have lunch with him? Mark ist ein brillanter Erzähler, setzt die Pointen so, dass ich vor lauter Lachen versäume, mir mentale Notizen für den Bericht zu machen. So verlangt das Formulieren am Rechner mir jetzt ab, in der Retrospektive die lustige Stimmung von den Sachinformationen zu trennen.

Schauen wir gemeinsam auf die vergangene Spielzeit 2017/18. Seine Interpretation der Hauptrolle in Oberst Chabert trug wesentlich dazu bei, dass die „Welt am Sonntag“ die Oper Bonn im Juli 2018 zur besten in NRW kürte. Sein wuchtiger Bariton verlieh der gequälten Kreatur des Titelhelden Tiefe und menschliche Größe. Zufrieden blickt er ebenfalls – wenn auch in kleinerer Rolle – auf die halbszenische Aufführung von Puccinis Il Tabarro zurück. Hier gab er Michele, den tödlich eifersüchtigen Bootsbesitzer, dessen reine Liebe zu rasender und gleichzeitig kühl berechnender Mordlust mutiert.

Ach ja, die Baritone, einfach die fiesesten Typen in der Oper! Wie Scarpia in Tosca oder der Graf von Mantua in Rigoletto. Nicht nur abgrundtief böse, sondern meist Dreh- und Angelpunkt des plots.

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Das fiel auch kürzlich Marks Sohn Jaydon auf, mit 11  Jahren selbst schon fast ein Bühnenprofi, wie er in Peter Grimes und I due Foscari unter Beweis stellte. „Dad, why are you always the bad guy on stage?” – “There’s a simple answer to that question. I am evil and vicious when I sing so that I can be nice and gentle at home … Would you rather it was the other way round?”

In seinen Rollen in der kommenden Spielzeit legt Mark Morouse einen kühnen Zeitsprung hin. Als Guy de Montfort im italienischen Fach in Die Sizilianische Vesper von Verdi, in Wagners Lohengrin als Friedrich im spätromantischen „Gesamtkunstwerk“, mit Strauß‘ Elektra ins 20. Jahrhundert als Orest in der modernen Präsentation eines antiken Stoffes und schließlich mit Marx in London als Titelheld in einer Weltpremiere. Ursprünglich war Mark Morouse gar nicht für die Karl-Marx-Partie vorgesehen, “but after a meeting with the composer Jonathan Dove and the director Jürgen R. Weber they decided to cast me for the role.”  

Sehen wir Mark/Marx dann im Dezember im Rauschebart? Oder als jungen Mann glattrasiert? Da rätselt selbst der Protagonist noch. „Aber wir singen das Original-Libretto in Englisch, die Musik klingt sehr modern, der Cast ist wundervoll und das Ganze wird ein großer Spaß. Versprochen!“

Eine letzte Frage zum Schluss. As an American citizen, how does he feel about 45, the current POTUS? “Next question, please,” he replies quickly. And adds: “We’ll be sitting here for a whole week if I start talking about him.”  Und das sagt so ziemlich alles, oder?

Hier die Termine für die Premieren, in denen Mark Morouse zu sehen und zu hören sein wird.
Richard Wagner, Lohengrin, 4. November 2018
Jonathan Dove, Marx in London, 9. Dezember 2018
Richard Strauss, Elektra, 10. März 2019
Guiseppe Verdi, Die Sizilianische Vesper, 25. Mai 2019

Tickets wie immer online hier

 

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