Was für ein feiger Hund, dieser Jago! In der gespielten Zeit von 24 Stunden zerstört er eine Liebe und läuft dann wie ein ertappter Schuljunge davon. Der Dämon kennt keine Verantwortung, keine Reue und keine Scham – nur die elende Flucht. Und alle schauen auf die beiden Toten, ohne das Übel dingfest zu machen. Der perfide Manipulator Jago reißt nicht nur sein Intrigenopfer Otello und dessen Frau Desdemona in den Abgrund, sondern die Kollateralschäden ziehen weite Kreise.

Giuseppe Verdi und sein Librettist Arrigo Boito schrieben und komponierten die Oper Otello nach der Tragödie von William Shakespeare in engem künstlerischen Austausch. 1887 im Teatro alla Scala uraufgeführt, gehört dieses Alterswerk zu Verdis meistgespielten Opern. In Otello vereinen sich das Genie des elisabethanischen Dramatikers und die unübertroffene musikalische Genialität Verdis, der sich eigentlich bereits zur Ruhe gesetzt hatte. Als Abschluss seines Lebenswerks wendet Verdi die destruktive Kraft der Eifersucht dann aber in die heitere, milde Variante im Falstaff (1893), wo der Titelheld der Lächerlichkeit preisgegeben wird und im Wäschekorb im Kanal landet.
Der Feldherr Otello steht im Dienst der Republik Venedig, die ihre wirtschaftliche Macht im Mittelmeer immer wieder behauptet, indem sie die Angriffe der Türken zurückschlägt. Dabei bildet Zypern als Militärbasis Knotenpunkt und Schauplatz des Geschehens. Nur verlegt der Regisseur Leo Muscato die Handlung ins Jahr 1974, in die Zeit der Zypernkrise, in deren Folge die Insel politisch geteilt wurde. Teilung versteht sich auch als psychologische Anlage des Titelhelden, in seiner Ambiguität zwischen eifersüchtigen Wahnvorstellungen und seinem Bedürfnis nach verständnisvoller, zärtlicher Nähe. Otello leidet unter den Folgen der Kriegserlebnisse, er hat einen Tremor, vermutlich eine gravierende Blessur am Auge, einen unüberwindlichen Mangel an emotionalem Einfühlungsvermögen. Wenn er gerade noch über alle Maßen jubelt („Esultate“), fällt er kurz darauf in stumme Starre oder in aggressive Gewalt – das Phänomen der posttraumatischen Belastungen ist eng verknüpft mit den Gräueln der Grabenkämpfe im 1. Weltkrieg.
Den abrupten Stimmungswechseln Otellos steht die konstante, mitunter auch etwas naive Liebenswürdigkeit seiner jungen Frau Desdemona gegenüber. Sie ist nicht länger die blonde, vom Frühling geliebte Frau („L’april circonda la sposa bionda“), sondern macht ihren Job als Fotoreporterin im Militärlager – mit eigenem Fotolabor, wo sie auch die schönen Erinnerungen an ihre Liebe zu Otello archiviert. Mit der Kamera fängt sie die emotionalen Szenen ein – mitten in einem von harter Männlichkeit aufgeheizten Umfeld.
Als Motor des mörderischen Geschehens fungiert Otellos Fähnrich Jago. Hier stellt sich nicht die Frage des Whodunit wie im klassischen Krimi, sondern die nach der unfassbaren Perfidie, mit der er die Fäden seiner Intrige immer dichter und doppelbödiger webt. Er wird alles, aber auch wirklich alles dafür tun, seinen Plan zu realisieren: Otello vernichten. Sein Motiv? Prima vista: Er fühlt sich in der militärischen Rangfolge übergangen. Tatsächlich aber handelt er als Inkarnation des Bösen, als diabolischer Vertreter eines völligen Nihilismus. Er glaubt an einen Gott der Grausamkeit („Credo in un Deo crudel“), der ihn zum Medium erkoren hat, maßlose Wut in die Tat umzusetzen. Der Tod für ihn – ein Nichts. Der Himmel – Weiberkam.

Die Oper lebt vom Prinzip der Gegensätze. Die hasserfüllte Arie Jagos findet ihr Pendant im herzzerreißenden „Lied von der Weide“ und im „Ave Maria“. Nach all dem übermäßigen Testosteron im Seefahrersturm, den Freudenfeuern, dem Saufgelage und der Schlägerei bietet der finale Akt schönsten Belcanto eines reinen Herzens. Am Ende bleibt Desdemona immer noch passiv – auch für das Jahr 1974 lässt die Regie sie nicht zu einem feministischen Befreiungsschlag kommen und den rasenden Gatten selbst töten.
Ein Taschentuch und ein Kuss – das Corpus delicti und die Sehnsucht nach Verschmelzung – bilden Klammern zwischen den Akten. „Il fazzoletto“ wird ja so fadenscheinig von Jago inszeniert wie vermutlich die durchsichtige venezianische Spitze selbst. Otello will die Wahrheit nicht an sich heranlassen und begibt sich sehenden Auges in die Fänge seines „Mentors“ in Sachen Rache, nachdem beide wie ehedem Posa und Don Carlo (Don Carlos) und Don Alvero und Don Carlo de Vargas (La Forza del Destino) sich als Blutsbrüder verbünden. Zum Kuss fehlen ihm Leidenschaft und Nähe – und die Regie vergrößert die Distanz noch brutal: Über drei Meter hinweg küsst es sich schlecht! Otellos Worte im Sterben: „Un bacio, un’altro bacio“ – Ausdruck seiner inneren Leere.
Leo Muscato legt die Handlung in einen großen, zunächst leeren Raum, dominiert von römischen Ruinen, die von einer glorreichen Vergangenheit zeugen, aber gleichzeitig Symbole für die seelischen Trümmerlandschaften der Dramatis personae bilden. Von beiden Seiten der Bühne gleiten nun sukzessive insgeamt 36 mal begrenzte Räume herein, die den intimen Szenen Privatsphäre ermöglichen: Kommandozentrale und Fotolabor, Schlafzimmer und Schulraum, Mannschafts- und Wohnraum. Als Kontrast dazu die offene Szene für die Siegesfeier oder die Ankunft des venezianischen Legaten, der Otello nach Venedig zurückbeordert.
Mit Otello setzt Verdi einen fulminant expressiven Höhepunkt seines musikalischen Schaffens. Dirk Kaftan treibt das Beethoven Orchester Bonn bereits mit den ersten Takten zu einem Fortissimo, das das Publikum wie bei einem Raketenstart in die Sessel drückt. Diese Wucht mit ihrer enormen Lautstärke fordert den Solistinnen und Solisten alles ab. Eine Dämpfung des Orchesters hin und wieder hätte Einzelnen der Solistinnen und Solisten mehr stimmliche Variation angesichts der überbordenden Musik eröffnet. George Oniani verfügt über ein großes tenorales Repertoire sowie das Volumen und die Stimmkraft, auch über ein riesiges Tutti hinweg zu singen. Sein Tenor sehr oft im fff-Modus, wobei die lyrischen Partien im Piano das Nachsehen haben. Ein gebrochener Mann darf auch leise weinen. Simone Piazzolas Jago verkörpert eine abstoßende misogyne Bosheit. Frauenverachtende Gewalt paart er mit der Dunkelheit seiner abgrundtiefen Seele. Sein Bariton trägt diesen Charakter, diesen grenzenlosen Unsympath, der durchaus Ähnlichkeiten mit kontemporären Egomanen im Auftrag des Bösen erkennen lässt.
Kathryn Henry, die amerikanische Sopranistin, feierte als Desdemona ihr Debüt in Deutschland, an der Oper Bonn und in dieser Rolle. In Zukunft bereichert sie das Bonner Ensemble als dramatischer Sopran. Ihre helle, klar konturierte Stimme hat in den beiden ersten Akten Duette mit dem schier unerreichbaren Gatten. Schließlich gehört der finale Akt ganz ihr. Anrührend präsentiert sie das unheilverkündende „Lied von der Weide“ um die betrogene und verlassene Barbara. Das zutiefst gläubig und deshalb auch hoffnungsvoll intonierte „Ave Maria“ setzt Duftmarken für zukünftige Rollen.
Echte Intimität entsteht in diesen Personenkonstellationen nur zwischen Desdemona und Emilia, Jagos Ehefrau. Susanne Blattert gibt diese warmherzige Freundin und Verbündete, die schließlich mutig das Intrigenspiel aufdeckt. Mit großer Spielfreude erlebt Bonn zum ersten Mal den britischen Tenor Ryan Vaughan Davies, der als Cassio eine überzeugende emotionale Bandbreite mit seiner schönen Stimme gestaltet. Tae Hwan Yun, ebenfalls Tenor, zeichnet seinen Roderigo mit einer präzisen Stimmführung – dieses Mitglied des Bonner Ensembles überzeugt mit konstant feinem Gesang. Das gilt ebenfalls für die drei Bonner Bässe Martin Tzonev, Christopher Jähnig und Seogjun Jang, den alten und den jungen, und den ganz jungen Bass.
Ein Fest für die Ohren und die Augen bildet die große Chorszene, in der Chor- und Extrachor der Oper Bonn sowie der Kinder- und Jugendchor Desdemonas lieblichem Charakter huldigen: „Dove guardi splendono raggi“ (Wo du hinschaust, scheinen die Strahlen, … zwischen Lilien und Rosen … kommen alle, um zu singen.) Ekaterina Klewitz und André Kellinghaus haben die Choristen ausgezeichnet vorbereitet, für die Couleur locale sorgen auf Bühnenmusiker mit Mandoline und Gitarre.
Fazit: Mord und Totschlag gehören zum Handlungsrepertoire großer Tragödien. Muscatos Otello zeigt die erbarmungslose Dynamik von Hass, Neid, Missgunst und Eifersucht eindringlich auf. Kein Abend zum Jubeln – wie sonst oft bei Bonner Premieren. Eher ein konsequent inszeniertes Drama, das die Zuschauer betroffen aus dem Geschehen entlässt.
Die Oper Bonn spielt Otello noch achtmal bis zum 3. Juli 2026. Informationen und Karten gibt es hier.