Ein Smartphone, ein Trichtergrammophon, ein Federkiel und antike Statuen – mit vier Requisiten markiert Katharina Thoma die Zeitreise rückwärts des neuen Figaro an der Oper Köln. In den vier Akten von Mozarts Opera buffa Le nozze di Figaro findet sich das Geschehen zunächst im Hier und Jetzt, dann knapp 100 Jahre früher in den 1930er Jahren, anschließend in der Entstehungszeit der Oper (1786) und schließlich in einer Orangerie mit der Anmutung der klassischen Antike. Zweitausend Jahre packt sie in die 24 Stunden dieses verrückten Tages und zeigt, wie übergriffige, selbstherrliche – neudeutsch toxische – Männlichkeit genauso wie Eifersucht, Lügen, Intrigen und Frauenpower zu allen Zeiten, in allen Ständen, Schichten und Milieus die Energie für turbulente Entwicklungen liefern.
Das runtergerockte Schloss des Grafen Almaviva dient aktuell als Museum für diverse Artefakte aus der Ständegesellschaft im Absolutismus. Hier arbeitet Susanna, hier zimmert Figaro das Bett aus Paletten zusammen, hier macht sich Vorfreude auf ihre Hochzeit breit. Das Bett als „Leitmotiv“ für die allseits präsente Libido. Das junge Paar, der breitbeinig auftretende Graf in roten Socken, Cherubino mit Testosteron geschwängerter Skateboarder-Coolness, Barbarina als unschuldige, aber sehr verführerische sweet sixteen, die melancholische Gräfin, die sich nach (Cherubinos) Berührungen sehnt, Marcellina, die es auf Figaro abgesehen hat – bei allen haben die Hormone die Oberhand.
Zum komischen Repertoire dieses Verwechslungsspiels gehören An- und Verkleidungen, die auch während des Umbaus von einer Epoche zur nächsten, also vorherigen, stattfinden. Während Cherubino als Soldat eingekleidet wird, katapultieren uns das Schloss, nunmehr etwas besser in Schuss, und die Kostüme in das gewalttätige Ambiente der Nazizeit. Beängstigend der Graf als Möchtegern-Gröfaz, der mit Seitenscheitel, kniehohen Stiefeln und Breeches und ausgestattet mit einem Brecheisen, seinen Schäferhund nach dem Liebhaber seiner Frau schnüffeln lässt.

Als symbolischer Leitfaden für den Verfall „zieren“ Zimmerpflanzen den großen, offenen Raum. Anfänglich versucht die Contessa noch, mit einem Tropfen Wasser dem verdorrten Gestrüpp neues Leben einzuhauchen. Erst in der Blütezeit ihrer jungen Liebe mit Almaviva – also früher – tragen üppige Orangenbäumchen Früchte. Kenner wissen Bescheid: Rossinis Barbier von Sevilla erzählt die Vorgeschichte zu Mozarts Oper, beide nach zeitgenössischen Komödien von Beaumarchais. Dort die romantische Liebe zwischen Rosina und Almaviva und das Überwinden aller Hindernisse und hier die Ernüchterung über den notorischen Schürzenjäger. Mozart beleuchtet 30 Jahre vor Rossini das gesellschaftliche Leben am Vorabend der Französischen Revolution weitaus tiefgründiger.
Schöner allerdings als die Arie der Contessa „Dove sono i bei momenti“ drückt nichts erloschene Liebe, tiefe Kränkung, Einsamkeit und Sehnsucht aus. Mozart at his best und eine Interpretation der italienischen Sopranistin Selene Zanetti von atemberaubender Schönheit und faszinierender Ausdruckskraft. Zum Niederknien! Um dem Ende vorzugreifen: Ein sexbesessener Mann mag auf die Knie gehen und mit der rührenden Arie „Contessa perdono“ um Verzeihung bitten, aber wie glaubwürdig ist er? Die Katze lässt das Mausen nicht! Und Germán Olvera als Almaviva präsentiert die vordergründige Reue – wie seine ganze Partie – mit den nötigen Nuancen. Der Kniefall erfolgt nämlich nur zögerlich.
Mozart liebt auch seine Nebenfiguren, im Figaro Barbarina und ihren Vater Antonio. Und Katharina Thoma hat ein waches Auge für die Funktion der Figuren. Barbarina flirrt heiter durchs Stück, verplappert sich, während Antonio als Zeuge für das Geschehen dient. Er hat ja Cherubino aus dem Fenster springen sehen. Er lässt sich nicht mit Mutmaßungen abspeisen. Zum Glück erscheint er im Kölner Figaro nicht als betrunkener, lallender Depp, sondern als Realist. Ein Gärtner nur, aber ein Sohn der Aufklärung, der Schadensersatz einfordert für die zerbrochenen Töpfe, die der junge Adlige auf dem Gewissen hat.
Im Rokoko-Palazzo im 3. Akt ergänzen sich die zeitgemäße Ausstattung der großartigen Bühne von Johannes Leiacker und die Kostüme von Irina Bartels. Reduziert auf Kanapee und Sesselchen bietet der Raum nun das Parkett für die große Robe. Almaviva in Justaucorps und Jabot, die Gräfin in Allongeperücke und einer Robe à la française in goldglitzerndem Brokat. Aber die Pracht ist vergänglich, auch wenn der Porträtist im Boudoir sie festzuhalten versucht. Äußere Fülle als Vertuschung innerer Lehre!

Der Tanz – unverzichtbares Element der Opera buffa – bringt den kompletten Cast samt Chor auf die Bühne. Alle, das heißt wirklich alle. Die Landbevölkerung, die wie im ersten Akt dem Grafen huldigt, der nun endlich die beiden Hochzeitspaare traut. Da sind Susanna und Figaro sowie seine Eltern Marcellina und Bartolo. Ein Zufall (!) führt die Familie zusammen und Figaro erfährt seinen Namen: Rafaelo. Hochzeitsmarsch und Fandango bringen Bewegung ins Spiel, an dem alle beteiligt sind. Wunderbare Ensemble-Szenen, ein Schmaus für Augen und Ohren!
Die Nacht bringt paradoxerweise Licht ins Dunkel all‘ dieser Lügen und Verstrickungen. Draußen ist es finster und der Palazzo wird zur Orangerie mit klassischen Statuen, ganz in kühles lila Licht getaucht. Das Starre dient als Kontrast zum Lebendigen, zu den Akteuren, die ebenfalls wie vermummte Figuren erscheinen. Hier schmiegen sich die weißen Gestalten inkognito ins Ambiente ein. Die Verschwörungsgemeinschaft will Almaviva heimzahlen, dass er sich rücksichtslos nimmt, worauf er Lust hat, Leute verbannt, die ihm in die Quere kommen, und respektlos auf Gefühlen anderer herumtrampelt. Er wird entlarvt, als alle die Masken fallenlassen. Trotz der halbherziger Entschuldigung lässt sich die alte Ordnung nicht wiederherstellen, auch wenn alle Paare sich kriegen. Ein wirres Durcheinander und ein „Corriam tutti“ bilden das Ende. Alle rennen. Die Frage ist, wohin? Mozart legt den Finger in die offenen Wunden einer maroden Gesellschaft. 1791 stirbt er bereits – sonst hätten wir Heutigen möglicherweise eine musikalische Antwort auf die Frage nach einer neuen Ordnung.
Drei Stunden können lang werden auf den ungepolsterten Stühlen im Saal 2 des Kölner Staatenhauses. Es sei denn, ein so gut gestimmtes Ensemble singt und spielt (!) mit dem Gürzenich Orchester unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada. Die moderne Frische dieser Musik überträgt sich auf Sängerinnen und Sänger, sodass sie beim Schlussapplaus selber jubeln. Die Rezitative begleiten Theresia Renelt auf dem Hammerflügel und Bonian Tian am Violoncello mit Witz und Tiefgang. Eine stimmlich und schauspielerisch fabelhafte Susanna gibt Emily Hinrichs. Ihre leichten, scheinbar mühelosen Sopranhöhen und ihr selbstbewusstes Agieren in allen Spielzeiten tragen wesentlich zum Reiz dieser Inszenierung bei. Adolfo Corrado – ihr Figaro – absolvierte zunächst eine Schauspielerausbildung. Mit einem wunderbaren Timing für die überraschenden Wendungen in der Handlung und seinem flexiblen Bass ein exzellenter Titelheld.
Die britische Mezzosopranistin Anita Monserrat glänzt in der Hosenrolle des Cherubino. Herrlich, wie eine junge Frau burschikos das jugendliche Draufgängertum in Adelskreisen singt und spielt. Fürs Militär ist dieser Spross – dem jungen Almaviva wie aus dem virilen Geschicht geschnitten – völlig ungeeignet. Diese Widersprüche macht sie lässig spürbar. Der mexikanische Bariton Germán Olvera verkörpert die Macho-Attitüde des unermüdlichen Verführers genauso wie das brutale Machtgehabe als Nazi. Sein Gesang oszilliert in rascher Folge zwischen einschmeichelnden und scharfen, verschlagenen und, aristokratischen Zügen. Drei weitere Ensemble-Mitglieder machen diesen Figaro zu einem wahren Vergnügen: Claudia Rohrbach nimmt man die zänkische – und möglicherweise verliebte – Marcellina genauso gern ab wie die vom Wiedersehen gerührte, liebende Mutter. Großartige Schauspielerin und fabelhafte Sängerin! Ihr Gegenpart ist Bartolo, eigentlich ihr Anwalt, aber letztlich der Vater ihres Sohns. Der Kölner Bass Lucas Singer verleiht dieser Figur glaubwürdig ihre angemessene Boshaftigkeit und später die rührseligen Gefühle als Vater und Ehemann. Der Tenor Dimitry Ivanchy gibt den Musiklehrer der Gräfin gewohnt elegant in Darstellung und vokaler Präsenz.
Als liebreizende, quecksilbrige Barbarina komplettieren die Soubrette Alina König Rannenberg, der türkische Bass Ferhat Baday als Antonio und der walisische Tenor Rhydian Jenkinsden als Don Curzio den Cast des Kölner Figaro. Stehende Ovationen für diese fantastische Interpretation!
Eine Anekdote.
Mein Credo lautet: Wer Depressionen hat, sollte sich eine Mozartoper gönnen. Diese weise Einsicht wollte ich mit der Dame hinter mir teilen, weil wir beide gleichermaßen gerührt wie begeistert waren. Es stellte sich heraus, dass ich das Vergnügen mit der Mutter von Andrés (Orozco-Estrada) hatte. Unsere Verständigung gestaltete sich schwierig. Ihr Englisch next to nothing, Deutsch gar nicht, solo español. Bei mir Deutsch und Englisch ganz okay, español un poco màs que nada. Wir umarmen uns in der Gewissheit, dass die Liebe zur Musik über alle Worte hinweg verbindet.
Die Oper Köln zeigt Le nozze di Figaro noch sechsmal bis zum 28. März. Informationen und Karten hier.