Die Zeichen stehen auf Hoffnung. Auch angesichts einer schier aussichtslosen Lage mit einem drohenden Bombenhagel! Der Buddha lehrt, dass wir mit Wahrhaftigkeit (truthfulness) die Transformation zur Erleuchtung erlangen können, während wir die schlimmsten Übel wie Hass, Gier und Verwirrung (hate, greed, delusion) aus unserem Leben verbannen. Das Erwachen, den Weg zur Erleuchtung des Siddhartha Gautama, zeigt die Oper Bonn jetzt in der Welturaufführung des Stücks Awakening. Der indische Komponist Param Vir schreibt in engem Austausch mit dem englischen Librettisten David Rudkin eine mitreißende, energiegeladene Musik, die dem dramatic poem in 38 Bildern eine wuchtige Kraft verleiht.
Der Lebensweg des Buddha vermittelt sich als Stationendrama. Als juwelenbehangenes Königskind hat Siddharta keinerlei Kenntnis von der Welt außerhalb des Palasts. Not und Elend sind ihm völlig fremd; er lebt hinter einem Schleier der Privilegien. Erst als er die Mauern seines Luxuslebens durchbricht, begegnen ihm personifiziert die Krankheit, das Alter und der Tod. Er legt die weltlichen Insignien seines Standes ab und wird in der zweiten Station zum Asketen. In der letzten Phase seines Lebens wirkt er als Weiser, der in zahlreichen Metaphern, Parabeln und Gleichnissen dem Volk seine Lehren vermittelt. Ob im sokratischen Gespräch oder in der Predigt – der Buddha lehrt im Zustand der Transzendenz.

Mehr als 30 Jahren lang trug sich Param Vir mit dem Gedanken, das Leben des Buddha in ein Musikdrama zu packen. Volksaufstände in Ungarn, in der damaligen Tschechoslowakei und Ägypten nährten die Idee, repressive Regimes, die Theater, Sprache und Kultur des Volkes oder unliebsame ethnische Gruppen mit Gewalt unterdrückten, zu entlarven und in Musik darzustellen, wie die Befreiung gelingen kann. Äußerer Anlass war die gerade in Tibet weitverbreitete Protestform der Selbstverbrennung, mit der mehr als 150 junge Menschen in den Feuertod gingen. Ein authentischer Fall findet auch den Weg auf die Bühne, als eine junge Frau über den grausamen Tod des Bruders berichtet. Dem jungen Mann, Lobsang Palden, widmete Param Vir sein Werk.
„Dr Helmich was visionary enough to commission the work.“, so Param Vir am Premierenabend. Zur Vision brauchte es auf jeden Fall auch den Mut, ein völlig unbekanntes, so vielschichtiges Werk mit einer so klaren politischen Aussage auf die Bühne zu bringen und diese expressive Musik und das poetische Libretto dem russischen Regisseur Vasily Barkhatov anzuvertrauen, der jeder Inszenierung seine eindringlich-bildreiche Bühnensprache verleiht. Aber dem Mutigen gehört die Welt! Großer Jubel und stehende Ovationen gaben den Bonner Theatermachern Recht: Die Kühnheit hat sich gelohnt.

Barkhatov erzählt eine Geschichte in der Geschichte. Eine Theatergruppe probt im Verborgenen ein Stück über das Leben des Siddhartha Gautama. Deren Regisseur hält die Fäden der Handlung in der Hand, weist Spielern Rollen zu. Allmählich allerdings verschwimmen die Grenzen zwischen den dramatis personae des Theaterstücks und den realen Menschen. Als Spielstätte dient die ausgetrocknete untere Ebene einer Schleuse. Hier wartet ein Lastkahn darauf, angehoben zu werden und auf die nächste Ebene des Weiterkommens zu gelangen. Meterhohe Betonwände begrenzen den Raum; alle Details einer Schiffsschleuse sind naturalistisch nachgebildet. Eine sehr treffende Metapher hat Barkhatov hier geschaffen, die die Elevation des Wasserspiegels als Bild für Transformation darstellt.
Allerdings dominieren in dieser Welt Unterdrückung Terror, Bomben, Detonationen. Mit krassen, mitunter bizarren Glissandi über Oktaven, mit Schlagwerk im Crescendo, mit wörtlich zu nehmenden Pauken und Trompeten zeichnet Vir eine bedrohliche Welt, voller Gewalt und Unterdrückung. Parallel zur Musik die flackernden Schatten auf den Wänden der Schleuse. Trotz dieses apokalyptischen Szenarios und der Steigerung im Armageddon im Finale überwiegt die Faszination gegenüber Angst und Schrecken. Zumal sich neben den musikalischen Exzessen und flackerndem Suchscheinwerferlicht auch leise und zarte Töne vernehmen lassen. Liebliche Geigen, eine zu Herzen gehende Oboe oder das Cello der Seelentiefe (das auch als Bühnenmusik mit einem weiteren Cello und einer Viola da gamba) verleihen Sehnsucht und Wehmut ihren Ausdruck. Daniel Johannes Mayr treibt die Instrumentalisten des Beethoven Orchesters zu einem schier wahnsinnigen Ritt durch die Partitur. Der grandiose Applaus würdigte diese Leistung.
Auf Sitar oder Zimbeln verzichtet Vir explizit. Er brauche das Indischsein des Protagonisten nicht zu unterstreichen und verstehe sich ohnehin als Komponist westlicher Prägung – nach eigener Aussage. Tatsächlich ist er ein Kind seiner Zeit: Die minimal music wie von Philip Glass hat ihre Spuren hinterlassen, der revolutionäre Igor Strawinsky mit Sacre du printemps, aber auch Beethovens „Ode an die Freude“ findet ihre Anklänge als Hommage in den acht Sätzen zu Tugenden des Dhammapada im zweiten Akt. In musikalischen Clustern finden sich daneben Straßengeräusche, Hufgeklapper, Flugzeugmotorenheulen.

Awakening ist eine dramatische Dichtung in musikalischer Form, keine klassische Oper. Titel gebend ist eine Idee oder ein Ideal, nicht eine Figur. Dennoch gibt es einen Protagonisten, den historisch belegten Siddhartha Gautama des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts, Gründer des Buddhismus. Auf der Bonner Opernbühne verkörpert Cody Quattlebaum diesen Mann mit einer unübertroffenen Ästhetik und Bühnenpräsenz sowie einem Bariton, der gleichzeitig Wärme und Kraft ausdrückt. Mit Obertönen fügt er seiner Partie eine runde, zweite Dimension hinzu, der Lehre des Buddha sehr angemessen. Selbst aus der Distanz vermittelt der junge US-Amerikaner, dass er sich mit der Spiritualität und den Mythen des Buddhismus auseinandergesetzt hat und in Meditation geübt ist. Eine Idealbesetzung für diese Rolle!
Großartig auch das gesamte Ensemble, das fast vollständig insgesamt 24 Rollen spielt und singt: Mark Morouse, Ralf Rachbauer, Martin Tzonev, Giorgos Kanaris, Susanne Blattert, Christopher Jähnig, Yannick-Muriel Noah, Katerina von Bennigsen, Tae Hwan Yun, Johannes Mertes. Beeindruckend dabei das sehr schön gesungene quasi-Liebesduett der beiden Sopranos Yannick-Muriel Noah und Katerina von Bennigsen, die den Verlust von Sohn respektive Ehemann beklagen, die stimmstarke Tenorpartie von Tae Hwan Yun und Susanne Blattert in der Hängevorrichtung als Tod. André Kellinghaus hat den Opernchor, Ekaterina Klewitz den Kinder- und Jugendchor vorbereitet. Sehr überzeugend!
Den Buddha begleiten fast durchgehend fünf in mattes Mauve gekleidete Tänzerinnen und Tänzer, die mit Körperausdruck Gefahren darstellen oder Wendepunkte unterstreichen. Die Truppe bringt sinnstiftende Bewegung auf eine handlungsarme Bühne.* Mit großem, wohlverdienten Applaus bedacht die Solistinnen und Solisten des Kinder- und Jugendchors Noah Werfel, Ida Rausche, Elisabeth Kravchenko, Clara Teschner.
Fun fact. Rudkin, Vir und Barkhatov haben vor Jahren begonnen, das Stück zu erarbeiten und ihm vor allem zu einem positiven Ende zu verhelfen. Der wertschätzende, höfliche Umgangston der Künstler untereinander zeigt sich in dieser Anekdote: Barkhatovs Management meldete sich bei Param Vir folgendermaßen. „Maestro Barkhatov möchte Maestro Vir fragen, ob er ihm erlauben wolle, sein Stück zu inszenieren.“ – Yes, he did.
Fazit: Barkhatov schafft starke Bilder für die überbordende Musik von Param Vir. Singen gegen die Übermacht der Bomben. Unbedingt anschauen! Unbedingt vorher das Programmheft lesen!
Das Theater Bonn spielt Awakening noch fünfmal bis zum 2. Mai 2026. Informationen und Karten hier.
*Tänzerinnen und Tänzer: Natsuki Katori, Andras Sousa, Davide Degano, Jule Niekamp, Francesca Merolla