Champions League! Das spontane Urteil eines Besuchers der grandiosen Premiere von Georg Friedrich Händels Oratorium Saul an der Oper Köln trifft absolut zu. Königsklasse fürwahr! Knapp 300 Jahre alt ist diese Komposition, und der australische Regisseur Barrie Kosky* haucht dem Stück einen Atem ein, der vor Vitalität nur so strotzt. Ein barockes Fest der Sinnlichkeit zaubert er auf die Bühne, ein Fest für die Augen und die Ohren. Vor genau 10 Jahren riss exakt dieser Saul das Publikum in der idyllischen Glyndebourne Opera** in East Sussex zu Begeisterungsstürmen hin, in Köln drückte sich der Enthusiasmus in Jubel und Trampeln aus.
Der sächsische Komponist Händel erfreute sich in London großer Beliebtheit beim Adel und dem Publikum, genoss die Anerkennung des Königs. Allerdings ließ auch er Vorsicht walten bei der Auswahl seiner Stoffe. Mit biblischen, am besten alttestamentarischen Stoffen war man auf der sicheren Seite. Denn wenn die königliche Titelfigur dem Wahnsinn anheimfällt und sich als wankelmütiger, brutaler und rachsüchtiger Herrscher zeigt, empfiehlt sich die größtmögliche Distanz zu zeitgenössischen Machtkämpfen und Herrscherhäusern.

Im 1. Buch Samuel erzählt das Alte Testament von Saul, dem mächtigen König, der in eine militärische Bredouille gerät. Der unscheinbare Hirtenjunge David erlegt nun mit seiner Steinschleuder den Gegner, den Riesen Goliath. Im Triumphzug kommt er an Sauls Hof und trifft auf eine – nun ja – toxische Familie. Die Töchter Michal und Merab könnten unterschiedlicher nicht sein: Die jüngere Michal von entzückendem Liebreiz, die ältere Merab eine arrogante Prinzessin mit ausgeprägtem Standesdünkel. Michal verliebt sich stante pede in den schönen, starken David, Merab lehnt den einfachen Burschen strikt ab. Auch der Sohn Jonathan ist beim ersten Anblick für David entflammt. Daraus entwickelt sich eine homoerotische Beziehung, eingebettet in ein Dreieck mit den Schwestern.
Saul wiederum erlebt David als Parvenu, der ihm seine Herrschaft streitig machen will. Er selbst schwankt zwischen inneren Zweifeln und massiven Ängsten, zwischen orgiastischem Feiern und einsamer Introspektion, ein Potentat im Niedergang. Mehrere Versuche, David und auch seinen eigenen Sohn zu töten, schlagen fehl. Schließlich liegen Vater und Sohn, die Garanten der Dynastie, tot auf dem Schlachtfeld und David erlangt die Königswürde.

Mit seinen opulenten Bildern zieht Barrie Kosky das Publikum in einen magischen Bann. Fabelhaft, wie er die einzelnen Sequenzen in Szene setzt. Der Chor, die mahnende Stimme der Vernunft, repräsentiert in seiner Anordnung, in seinen Kostümen, in seinen Choreografien die einzelnen Entwicklungsstufen von Sauls Verfall. Überbordend wie die Blumenpracht die farbenfrohe Kleidung im höfischen Ballsaal, monochrom auf dem Schlachtfeld die Toten einschließlich Saul und Jonathan beklagend. Überwältigend Merabs Klage im nachtblauen Kleid vor hunderten von Kerzen, sinnbildlich für die Toten, die bald zu beweinen sind.
Barrie Koskys Regiekonzept schäumt über vor pulsierender Energie im perfekten Einklang mit der Musik. Der verleiht Rubén Dubrovsky, mittlerweile erster Gastdirigent der Oper Köln und hoch geschätzter Barockexperte, mit dem Gürzenich Orchester einen jugendlich frischen Ausdruck. Wieviel Verve steckt doch in den etwas altmodischen Posaunen, den riesigen Kesselpauken, dem Cembalo, dem Carillon und der Orgel mit Andreas Gilger! Wie viel Schwung in der Barocklaute, gespielt von Sören Leipold und David Bergmüller! Und wie himmlisch die Harfe im Solo klingt und die Geige im Duett mit Michal leichtfüßig tönt – das alles spiegelt sich im Bühnengeschehen und vice versa. Bravissimi tutti!

Räume zu gestalten – gemeinsam mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Katrin Lea Tag – gehört zu Koskys top Expertise. Üppig ausgestattet oder minimalistisch kahl – Saul bietet einen facettenreichen Blick auf die Bühnenkunst des Regisseurs. Gespickt mit Vanitassymbolen des Barock öffnet sich das Spielfeld, in dem der Chor in zeitgenössischen Kostümen ausgelassen feiert. Im krassen Gegensatz dazu die strenge Fuge am Ende. Keine Requisite mehr, keine Farbe, nur die Kraft der Musik, übertragen in eine anspruchsvolle Choreografie. Ein Chor der Spitzenklasse, wie immer fabelhaft vorbereitet von Rustam Samedov, präsentiert hier exquisite Sangeskunst mit ausgelassener Spielfreude.
Saul befindet sich auf eine Reise des Verlusts und der Entäußerung. Vom Macht-Macho und Partylöwen zum sabbernden Greis in Unterhose, von Luxus zu Ödnis, vom „I am the king“ zum enthaupteten Kriegsopfer. Erbärmlicher geht es kaum. Zu Shakespeares King Lear oder Macbeth zeigen sich deutliche Parallelen, ebenfalls in den Versen des Librettos von Charles Jennens. Die beiden Heroen der Elisabethaner fallen wie Saul in geistige Umnachtung, wandeln schutzlos auf der unwirtlichen Heide und beschwören Geister als ihre Ratgeber. Christopher Purves verleiht Saul eindringlich Kontur und Gesicht. Der englische Bassbariton hat schmale Gesangspartien, aber eine riesige Bandbreite des darstellerischen Ausdrucks zu bewältigen. Absolut faszinierend, welche Eindringlichkeit sein Spiel über den Bühnenrand bringt, abstoßend und doch Mitleid erregend.
Von der holzschnittartigen Struktur des klassischen Oratoriums der Rede und Gegenrede zwischen Solisten und Chor entfernt Kosky sich durch seine exzellente Personenführung. Statt Rampe Interaktion, die den gesamten Cast fordert. Der amerikanische Countertenor Christopher Lowrey legt eine enorme Gefühlspalette in seinen erstklassigen Gesang: überwältigt, verliebt, verwirrt, erstaunt, entschlossen, entrückt, verzweifelt. Am Ende schlüpft er in Sauls Königskleid: Er ist in seiner legendären Rolle als neuer König der Israeliten angekommen.

Seinen leichten Tenor setzt der Niederländer Linard Vrielink als Jonathan nuanciert ein, um seinen Konflikten im Geschehen um Gewalt, Unterdrückung, Loyalität und Liebe Ausdruck zu verleihen. Am Ende zahlt er den Preis für seinen Gehorsam: das eigene Leben und die Liebe zu David. Aus Irland stammt die Sopranistin Sarah Brady, die als Merab die hartherzige, später mildere Königstochter gibt. Schneidend die Spitzentöne, wenn sie David als niederen Hirten desavouiert oder ihren Bruder als nichtswürdig: „A prince in blood, in mind a slave“. In ihren Koloraturen spiegelt sich die Arroganz der Lieblosen. In völligem Kontrast dazu der federleichte Sopran von Giulia Montanari, dem Mitglied des Kölner Ensembles. Ihre mäandernden Bögen bilden immer neue Variationen ihrer Liebe zu David, gekrönt durch ihre Vereinigung im Schlussbild.
Einen echten Coup landet Kosky, indem er für die kleineren Rollen der Berater und Priester eine einzige Bühnenfigur kreiert. Ihm fehlt der Name, nicht aber die energiegeladene Präsenz. Der Tenor Benjamin Hulett gibt diese Kreuzung aus dem Joker und Edward mit den Scherenhänden mit diabolischer Freude: Hier mischen sich Altes Testament, Fantasy und Psychothriller. Hieß es: einen Coup? Nein, zwei! Sechs instrumentale Zwischenspiele hat Händel für die Schaltstellen des Stücks komponiert, einschließlich des berühmten Dead March. Die Regie füllt diese Intermezzi mit hinreißenden Choreografien einer sechsköpfigen Tanz-Combo. Quecksilbrig wirbelnd spiegeln sie die Affekte, verleihen mit ihrer Physis dem Stück eine zusätzliche Dimension. Formidabel!
Die Oper Köln spielt Saul noch achtmal bis zum 14. Dezember 2025. Infos und Karten gibt es hier.
*Nice-to-know: Barrie Koskys Saul katapultierte auch ihn in die „Königs“klasse. Am Royal Opera House in London inszeniert er Wagners Ring des Nibelungen. Die Walküre im Mai 2025 wurde von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen.
**Glyndebourne führte das Stück 10 Jahre lang auf dem Spielplan.