Was für eine Räuberpistole im Mafia-Milieu! Zunächst Schüsse. Vier Vertreter offensichtlich verfeindeter Mafia-Clans tauschen Koffer mit großen Geldbeträgen, dann liegen Leichen auf der Bühne rum. Die Ouvertüre von Die Frau ohne Schatten setzt mit dem berühmten absteigenden Keikobad-Motiv ein. Dem Regietheater-Altmeister Peter Konwitschny hat die Oper Bonn das Stück anvertraut, der die märchenhafte, symbolistisch aufgeladene Erzählung des kongenialen Dichter-Komponisten Duos von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in ein drogengeschwängertes Gewaltmilieu transplantiert.
In einem völlig neuen Narrativ verkehrt Konwitschny Poesie zu Porno, Magie zu Machtprotzerei, Kinderwunsch zu Klinikperversion und Fruchtbarkeit zu Föten in Formaldehyd. Vom überirdisch schönen Finale mit der Gloriole des Quartetts der Strauss Oper hält Konwitschny nichts: Weg mit dem Hokuspokus! Die reinigende Kraft eines Märchens, der Seelenspiegel des Unerklärlichen, die Rettung durch übersinnliche Mächte: Das hat in Konwitschnys Kosmos keinen Platz. Zur Entstehungszeit der Oper allerdings (zwischen 1913 und 1919) drückten Symbolismus und Jugendstil, Psychoanalyse und Traumdeutung die Befindlichkeit der Zeitgenossen aus. Vermutlich fielen Strauss und von Hofmannsthal in Schockstarre, wenn sie diese Version ihres Werks miterlebten.
Im Publikum der Premiere jedoch brach ein Sturm los, da war „richtig Musik in d’r Bud“! Ein battle of the boos and bravos füllte lautstark Parkett und Ränge. Statt freundlichem Premierenapplaus lautstarkes, kontroverses Schreien – Reaktionen, die die Verantwortlichen sicher mit genüsslicher Zufriedenheit wahrnahmen. Der „Alte“ hat sich mal wieder als Agent provocateur bewiesen, dem „spießigen“ Publikum heftige Reaktionen abgefordert.
Lassen wir die hochkomplexe, mysteriöse und wenig rationale Handlung der ursprünglichen Oper beiseite und nähern wir uns diesem Bühnengeschehen, das ohne Erläuterung völlig unverständlich bleibt. Zwei verfeindete Mafia Clans kämpfen um die Vorherrschaft im Milieu, einschließlich Prostitution und Drogenhandel. Nach einem Gangstergesetz erlangt derjenige Boss die Oberherrschaft, der die Tochter des Gegners schwängert. Diesen Paten sehen wir in der Schlussszene triumphierend ein Baby in einem Glascontainer abtransportieren. Es ist der Kaiser, schwer angeschlagen im Rollstuhl sitzend. Mittlerweile hat er sich mit seinem Widersacher Barak (die Clan-Fehde galt eigentlich Keikobad, aber was soll’s) versöhnt. Aus dem Sex zwischen Barak und der Kaiserin und dem Kaiser und der Färberin entstehen zwei Kinder, die von der Amme gepflegt werden. Wirr? Genau!

Der Färber Barak fungiert als Leiter einer Klinik für Kinderwunsch, Genmanipulation inklusive. Seine Frau Färberin hat er offensichtlich von der Straße geholt. In der Klinik finden sich zu einer biergetränkten Party nicht nur Baraks drei behinderte Brüder, sondern auch neun junge Mädchen ein, die ausgelassen auf Tischen und Bänken tanzen. Gleichzeitig unappetitliche Erotik auf dem Parkdeck, angefeuert von der einen oder anderen Nase Kokain. Die Kaiserin hat orgiastischen Sex mit Barak, nachdem sie ihren Mann wie vorher schon die Amme oral befriedigt. Statt eines Jünglings kommt der Kaiser selbst vorbei und begattet die Färberin, während ihr Mann Barak noch immer die Intoxikation der Partynacht ausschläft. Auf demselben Bett, wohlgemerkt.
Die Stimme des Falken mutiert zur irdischen Frau Falke, einer Ex-Gespielin des Kaisers, die nun leibhaftig mitmischt. Zum bisherigen Damentrio gesellt sich die Amme, stets an der Seite der Kaiserin, von deren Ehemann aber ebenso instrumentalisiert und missbraucht wie seine Frau. Der Herrscher selbst ein Potenzprotz: Befriedigung sofort! Macht und Schrecken sind sein Handwerk. Am Ende knallen die Männer die Färberin, die Amme und auch die Kaiserin einfach ab. Der Anlass: Die Kaiserin entsagt: „Ich will nicht.“ und die Färberin besänftigt ihren Mann: „Barak, ich habe es nicht getan.“ Es geht um den Schatten, den die eine nicht mehr für sich will, und um den Deal „Geld gegen Schatten“, den die andere nicht eingegangen ist. Dem fügt die Amme das Schlusswort: „Übermächte sind im Spiel.“ hinzu.

Konwitschny lässt die Oper am Wendepunkt der Originalfassung enden. Dort wütet der Kaiser, weil seine sich Frau aus Liebe zu ihm zu den Menschen begeben hat, und Barak droht der Färberin mit dem Tod, weil sie ihren Schatten und damit die Aussicht auf Kinder verkauft habe. Nur – die Regie setzt die männliche Wut in die Tat um. Peng! Und Peng! Und Peng! Kommt das dabei heraus, wenn man nach eigenem Bekunden die Frauenfeindlichkeit des Stücks beheben will? Dass nämlich Frauen nur unter dem Gesichtspunkt der Gebärfähigkeit dargestellt werden, sei Strauss‘ Promiskuität und von Hofmannsthals – zumindest latenter – Homosexualität zuzuschreiben. Was man dazu weiß: Im Hause Strauss führte die Gattin Pauline das Regiment, von Eskapaden ist nichts bekannt. Von Hofmannsthal betonte, wie viel ihm der Austausch mit Männern im künstlerischen Sinn bedeutete.
Konwitschnys Rechnung geht nicht auf. Wer Frauen ausschließlich als Sex-Objekte, Prostituierte, Opfer, drogenabhängige Schlampen, maulende Ehefrauen oder Intrigantinnen abbildet, outet sich selbst als misogyner Macho. (Sexualisierte) Gewalt gegen Frauen ist nie zu rechtfertigen!
Zurück zur Reaktion im Publikum. Was die einen begeistern mag – ein Thriller also mit komischen Einlagen, in dem richtig was abgeht, eine geile Show mit sex & drugs & rock’n’roll. Die anderen zeigen sich entsetzt, denn der Rock’n’Roll ist die wunderbare Musik von Richard Strauss, die hier für eine abstruse Idee instrumentalisiert wird. Großartig lautmalerisch, voller Leitmotive mit hohem Wiedererkennungswert, in freier Tonalität, im zweiten Teil deutlich melodiös, mit fantastischen sinfonischen Zwischenspielen für die imaginären Reisen zwischen der Erden- und Zauberwelt, einschließlich erotischer Metaphern. Die Droge heißt Musik & Sprache, bedeutet die oft rätselhaften, absichtlich verschlüsselten Verse des Librettos in der üppigen Strauss’chen Instrumentierung.
Tosender Applaus brandete auf, als Dirk Kaftan sich stellvertretend für das Beethoven Orchester vor dem Publikum verbeugte. Sehr zu Recht hob der Dirigent die großartigen Leistungen der Solo-Geige und des Solo-Cello hervor; ein Genuss ebenso wie das Erklingen von Oboe, Flöte und Klarinette für das leitmotivische Flattern des Falken sowie des Keikobad-Motivs durch alle Instrumente bis hin zur Bass-Tuba und am Ende ausschließlich im dumpfen Schlagwerk.
So sicher und versiert wie sich Kaftan und BOB im riesigen Musikkosmos von Richard Strauss bewegten, so großartig gestalteten alle Sängerinnen und Sänger ihre Rollen. Allen voran die fantastische Anne-Fleur Werner, die als Kaiserin brillierte. Mit großer sängerischer Präzision und hinreißendem Schauspiel verlieh sie diesem eigentlich ätherischen Wesen einen variationsreichen Charakter auf der Konwitschny-Klaviatur: vom drogenabhängigen Anhängsel über die erotisch aufgeladene Verführerin hin zum Wahnsinn einer Lady Macbeth. Dem Kaiser verlieh der irische Heldentenor Aaron Cawley seine große Stimme. Bei Bedarf fügte er der gestählten Schärfe warme Tiefe hinzu. Den Kaiser/Jüngling/Liebhaber/Zuhälter spielte er mit Milieu-Arroganz, auch noch im Rollstuhl. Ruxandra Donose glänzte als Amme, die in fast allen Szenen präsent war. Hervorzuheben ist neben ihrem leichten Mezzosopran ihre schauspielerische Leistung, vom willfährigen, verängstigten Sex-Opfer zur eigentlichen Berufung, der Versorgung der Neugeborenen.
Aile Asszonyi bewies nach ihrer fantastischen Elektra in Bonn vor knapp sieben Jahren, dass ihr dramatischer Sopran mit dem Riesenvolumen eine noch größere Strahlkraft entwickelt hat. Dem Regiekonzept geschuldet konnte sie allerdings die volle Tiefe der Partie nicht immer ausloten, weil gerade die Färberin in den Fallstricken der Boulevardkomödie gefangen war. Ihren schönsten Moment hat sie im Versöhnungsduett mit ihrem Mann Barak. In dieser Rolle glänzte Giorgos Kanaris, dessen sanfter, volltönender Bariton der ursprünglichen Figur des Barak wunderbar entspricht: mit tatsächlich väterlicher Wärme im Ausdruck, leicht melancholisch, auch als Gen-Doktor nicht maliziös. Ach man wünschte auch ihm eine konventionellere Inszenierung für eine situativ facettenreichere Interpretation der Rolle.

Wie immer man zur völlig neugefassten Frau ohne Schatten steht mit Konwitschnys Kürzungen, Strichen, Umstellungen, unpassenden Übertiteln, zu den neu geschriebenen Dialogen und Szenen – Johannes Leiacker hat zu dieser Regie eine außerordentlich gelungene Bühne gebaut. Den Straßenstrich und das Dealermilieu taucht er in puffiges Rot, inklusiver einer Mercedes S-Klasse der 80-er Jahre, die das Nummernschild PK 2024 trägt.* In der Reproduktionsklinik geht es klinisch-clean zu, alles in Chrom und in weiß-hellgrünem Licht (Lichtregie von Guido Petzold). Für das Finale zeigt die Drehbühne ein Skylight-Nobelrestaurant hoch oben über einer glitzernden Stadt – ein cooles Ambiente für einen Showdown unter Mafiabossen.
Die Frau ohne Schatten – „Versuch einer Annäherung“ heißt es im Programm des Theater Bonn. Passender jedoch sollte der Untertitel „Eine Oper von Peter Konwitschny mit Musik von Richard Strauss und Versen von Hugo von Hoffmannsthal“ lauten.
Das Theater Bonn zeigt Die Frau ohne Schatten noch sechs Mal bis zum 16. Januar 2026. Karten und Informationen gibt es hier.
*Die Initialen des Regisseurs und die Premiere der Produktion in Tokyo im Oktober 2024 . Luxusschlitten und personalisiertes Kennzeichen auch als Antipode zum signature look mit abgewetzter Klamotte und Hosenträgern.
P.S. Wer sich mit dem Inhalt der Originalversion vertraut machen möchte, findet meine Besprechung der Kölner Inszenierung von 2023 hier.
Dieses Ereignis hast Du wieder wunderbar beschrieben, liebe Mechthild,
filmreif und klare Stellung beziehend. Brava!!!
Dank und Gruà von Susanne
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[…] an der Bonner Oper die Premiere “Die Frau ohne Schatten” von Richard Strauss statt. Hier finden Sie die Rezension unseres Mitglieds Mechthild Tillmann, die in ihrem Opernblog “Live in […]
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