Aller guten Dinge sind drei! Erst mit seiner dritten Oper Manon Lescaut gelang Giacomo Puccini der Durchbruch – nicht nur in Italien, sondern weltweit. Diese Chronologie des Erfolgs teilt er mit Giuseppe Verdi, der ebenfalls nach zwei Flops erst mit seinem gefeierten Nabucco* den Grundstein legte für seine beispiellose Karriere als Komponist. Die Stabübergabe oder -nahme erfolgte tatsächlich im Jahr 1893, in dem Verdi die Premiere seines letzten Meisterwerks Falstaff als commedia lirica erlebte und Puccini Manon Lescaut als dramma lirico, gleichzeitig also das heitere Alterswerk hier und das tragische Drama des neuen, jungen Stars dort. Viva l’opera italiana, aber mit neuen, veristischen Vorzeichen.
Der Stoff stammt aus dem Roman Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut (1731), verfasst von einer schillernden Figur namens Abbé Prévost, der vermutlich sein eigenes Lebensthema „Flucht“ in dieses Werk einfließen ließ. Ein episches Werk in eine dramatische, bühnentaugliche Gestalt zu bringen und das Libretto als singbare Vorlage zu formulieren – daran arbeiteten sieben Librettisten und außerdem Puccini selbst. Wenig verwunderlich, dass man die Einheit der Form vermisst. Hinzu kommen die Leerstellen durch die erzählten, aber nicht gezeigten Ereignisse aus der Romanvorlage.
Also, vier Akte, vier Schauplätze: Ein Gasthof in Amiens, der Salon des Geronte de Ravoir in Paris, das Abschiebegefängnis in Le Havre, eine wüste Landschaft in Amerika. Wie hängt das zusammen? Manons Familie hat beschlossen, das vielleicht 14 oder 15 Jahre alte Mädchen ins Kloster zu geben. Ihr Bruder Lescaut begleitet sie. Ihm fällt die Rolle eines Strippenziehers zu. Doppelspiele, Bestechungen, Schachern sind sein Metier. Manon steigt aus der Postkutsche mitten in ein heiteres Fest der Landbevölkerung und alle preisen ihre natürliche Schönheit in den höchsten Tönen. Gleichzeitig schlägt die Liebe ein wie ein Blitz. Der mittellose, aber aristokratische Student Renato Des Grieux verfällt ihr augenblicklich. Durch einen kleinen Coup entwischen die beiden nach Paris, bevor der vermögende Geronte Manon als seine Mätresse in sein Palais bringen kann.
Hört sich bis hierher an wie der klassische Opernkonflikt, eine Frau zwischen zwei Männern. Aber die neue Oper geht tiefer. Sie steigt hinab in das Milieu der Prostituierten, ins Gefängnis, in bittere Armut und Tod durch Verdursten.
Ob Manon und Des Grieux in Paris für eine Weile arm, aber glücklich zusammen lebten? Die Opernhandlung lässt diese Zeit aus und präsentiert die Titelfigur nun in überbordendem Luxus. Allerdings erinnert das Boudoir eher an ein Bordell: roter Plüsch, ein Toilettentisch, eine Manon, die in sexy Lingerie ihre Vorbereitungen für Herrenbesuch trifft. Make-up, Coiffure, Tanz- und Gesangsstunden – ihre natürliche Schönheit und ihr Liebreiz sind nun affektiertem Gehabe gewichen. Plötzlich erscheint Des Grieux und die alte Liebe entflammt erneut. Inflagranti ertappt die beiden der Gönner Geronte, dem sie den Spiegel vorhält – wer kann so ein altes, hässliches Exemplar Mann schon lieben?! Die Retourkutsche? Geronte ruft die Polizei, lässt Manon wegen Diebstahls verhaften. Im letzten Moment hat sie noch Pelze und Perlen zusammengerafft, weil es doch so schade wäre, all‘ den herrlichen Prunk zurückzulassen. Der gemeinsame Fluchtplan ist gescheitert.

Der Opernplot überspringt nun wieder Manons Zeit im Gefängnis, eine Verhandlung, eine verhängte Strafe. Die Bühne zeigt sie jetzt in der Abschiebehaft in Le Havre, von wo aus im 18. Jahrhundert Diebinnen und Prostituierte in die zu Frankreich gehörenden amerikanischen Kolonien verschifft wurden. Ihr Schicksal teilt sie mit vielen Frauen, denen das Leid ins Gesicht geschrieben steht, die aber ihrer Verachtung für die männlichen brutalen Soldaten offen rausspucken. Wieder erscheint Des Grieux, wieder wird die Flucht vereitelt. Jetzt heuert der unbeirrt Liebende als Schiffsjunge an, um Manon in die Verbannung zu begleiten.

In ziemlich genau zwei Stunden Spielzeit kreist das Rad der Ereignisse in Manon Lescaut wie im Zeitraffer. Für den Verfall haben der Regisseur Carlos Wagner und sein Bühnenbilder Frank Philipp Schlößmann eine anschauliche Metapher inszeniert. Zu Beginn dreht sich ein hübsches nostalgisches Karussell mit Pferdchen auf der Mitte der Spielfläche – eine kindliche Kulisse für das schöne Mädchen, das im unschuldsweißen Kleidchen barfuß auftaucht. Im zweiten Akt dienen die senkrechten Stäbe mit Kirmeslampen als Requisite für den lasziven Pole Dance der nunmehr zum Vamp und zur Domina mutierten Manon. Statt Hottehü und Kinderkleid viel nackte Haut und Peitsche im Boudoir des Geronte. Weiter reduziert dient das Gerippe des Karussells der Einzelhaft der verurteilten Manon. Im Finale dann versinnbildlicht nur noch der kreisrunde Eisenring den Abgrund, in den sie blickt, dem Tode geweiht. Mit diesem Bühnenaufbau gelingt eine intelligente, in sich schlüssige Verknüpfung der Schauplätze, an denen sich das Schicksal der Heroine vom glänzenden Lack zur morbiden Korrosion entwickelt.

Die graue Wüstenlandschaft bietet den Rahmen für den finalen Akt; was in der Zwischenzeit alles passiert ist und warum sich nun Manon und Des Grieux auf der Flucht in den Tod befinden, zeigt die Oper – vermutlich im Gegensatz zum Roman – nicht. Manon reflektiert ihr Leben (wie viele Jahre seit der Ankunft in Amiens vergangen sind, bleibt offen) und konstatiert, dass ihre legendäre Schönheit Schuld hat an ihrem Niedergang. Sie stirbt in den Armen des geliebten Mannes wie eine umgekehrte Pietà.
Was Verdi und Puccini an Erfolg erst im dritten Anlauf gelang, erreichte der neue Kölner Generalmusikdirektor Andrés Orozco-Estrada mit seinem fulminanten Dirigat und dem fabelhaften Gürzenich Orchester auf Anhieb. Sein Hausdebüt als Operndirigent feierte das Premierenpublikum enthusiastisch. Sein Taktstock flirrt wie in Stroboskoplicht, seine Nähe zu den Solisten ist nahezu rührend, wenn er Carolina López Moreno als Manon sichtlich bewegt für die große Arie im zweiten Akt applaudiert. Seine Affinität zur sinfonischen Musik bewies er in dem wunderschön intonierten intermezzo sinfonico vor dem dritten Akt. Ein kleiner Tropfen Wasser in den Wein? Das Tutti war hin und wieder so laut, dass die Sänger Mühe hatten, über das Orchester zu kommen.
AO-E (Andrés Orozco-Estrada) war als „Debütant“ in bester Gesellschaft. Außer dem uruguayischen Tenor Gaston Rivero, der in der enormen Partie des Des Grieux auf der ganzen Gefühlspalette des leidenschaftlichen, zerrissenen, aber treuen Liebenden glänzte, absolvierten alle ihr Rollendebüt. Die Titelpartie gestaltete Carolina López Moreno mit einer grandiosen sängerischen und darstellerischen Bandbreite auf höchstem Niveau. Auf der Zeitreise vom hüpfenden Kind bis zur Todgeweihten, in Unterwäsche und im Büßerhemd verleiht sie dieser oszillierenden Figur zwischen dem Hang zum Geld und zur echten Liebe eine glaubwürdige Stimme, die an ihre späten Schwestern Cio-cio San und Mimi erinnert und schon mal leise Toscas „Vissi d’arte“ anklingen lässt.
Insik Choi – in der italienischen Oper ein Garant für kultivierten, ausdrucksstarken Gesang. Der Bariton verleiht doch dem etwas schmierig-intriganten Lescaut eine stimmliche und spielerische Würde, besonders im dritten Akt. Rustam Samedov hat mit dem Chor der Oper Köln wie immer perfekt die großen Auftritte einstudiert. Ein musikalischer Leckerbissen, ein Kleinod von höchster Präzision und Klangschönheit erfreut inmitten der hohlen Welt des Boudoirs: der Madrigalchor im zweiten Akt, angeführt vom Ensemblemitglied Adriana Bastidas-Gamboa. In der Logik des Stücks bildet die kleine Szene sowohl einen sehnsuchtsvollen Rückblick auf eine geordnete Welt als auch eine Alltagsrealität des Künstlerlebens ab. Lescaut bezahlt die Gruppe nicht für ihren Auftritt, sondern schreibt es ihrem Konto des Ruhms zugute.
Die Dichotomie des Themas „Geld ODER Liebe“, käufliche Lust oder echte Hingabe, setzt der Kostümbildner Jon Morrell sehr überzeugend in der Schwarzweißmalerei von wortwörtlich 50 Schattierungen von Grau, in den Kadettenanzügen und im lottrigem Leinen des ewigen Studenten um. Nur das verruchte Weib darf sich in Rot kleiden, die brave Hausfrau und Gattin trägt kariert. Darin kommt die piefige Nachkriegsmoral der männlichen Dominanz und der Verfügbarkeit von Frauen zum Ausdruck, verstärkt durch Nicol Hungsbergs Lichtregie.
Die Abkehr vom feudalen Milieu hin zu den einfachen Leuten, die auf der Straße singen und tanzen, von der Not der abgelegten Mätressen, von der Mittellosigkeit der Künstler, von der Brutalität der Polizei und der Arroganz des Geldes einschließlich der Notwendigkeit des Glücks- und Falschspiels vollzieht den Wandel der italienischen Oper hin zum Verismo, über den es im Vorspiel der Pagliacci von Ruggero Leoncavallo (1892) heißt: “ (…) heute nun schöpfet der Dichter kühn aus dem wirklichen Leben schaurige Wahrheit.“ Leoncavallo war einer der sieben Librettisten von Manon Lescaut.
Die Oper Köln spielt Manon Lescaut noch neunmal bis zum 19. Oktober 2025. Infos und Tickets hier.
*Mit Nabucco startet die Oper Bonn in die Spielzeit 2025/26. Premiere am 3. Oktober 2025.