Ironie kann er, der Generalintendant des Theaters Bonn, auch augenzwinkernde Selbstironie. Eine „digitale Revolution“ verkündete Dr. Bernhard Helmich: In der neuen Spielzeit sei es möglich, auch die Abos online zu buchen. Aber im Ernst. Was steckt denn drin im neuen, wie immer sehr schlicht – wenn nicht minimalistisch – und sachlich gehaltenen Printprogramm des Theater Bonn für die Spielzeit 2025/26?

Ein paar Zahlen vorweg. 14 Produktionen sind geplant, davon zehn Neuproduktionen und vier Wiederaufnahmen. Zusätzlich bildet eine Crossover-Kooperation mit dem Schauspiel und dem Beethovenfest statt: Die Odyssee, eine Sprechoper, die der zeitgenössische Schlagzeuger Ketan Bhatti komponiert hat. Der Generalmusikdirektor Dirk Kaftan dirigiert dieses experimentelle Format, bei dem Orchester und Spielende in einen Dialog treten. Die älteste westliche Erzählung trifft auf Musik, die die Heldengeschichte und den Wunsch nach einem Heilsbringer in Frage stellt. Obwohl die Oper mittlerweile traditionell erst mit dem Nationalfeiertag am 3. Oktober die Saison eröffnet, findet diese Premiere – wegen der Zusammenarbeit mit dem Beethovenfest – bereits am 10. September statt.
12 Aufführungen hat die Oper Bonn für Nabucco von Giuseppe Verdi terminiert. Dieser Klassiker von 1842 füllt nach wie vor die Opernhäuser weltweit. Mit dem jungen Bariton Aluda Todua hat man einen Verdi-Spezialisten engagiert, ihm zur Seite Ensemblemitglieder und Erika Grimaldi als Abigaille. Die kompletten Besetzungslisten sind bereits auf www.theater-bonn.de einzusehen. Das Musical der Saison wird TOOTSIE. Vielen dürfte der Film mit Dustin Hoffman bekannt sein, der die Verkleidungskomödie mit goldigem Happy End beschließt. Ob es tatsächlich das witzigste Musical am Broadway ist, wie Polina Sandler meint, wird sich zeigen. Freuen darf man sich tatsächlich auf Bettina Mönch, die bereits in Chicago die Bühne rockte. Das Stück kommt in einer Neu-Inszenierung vom Gil Mehmert auf die Bühne.
Mit dem Regie-Altmeister Peter Konwitschny hat Dirk Kaftan zu seinem Einstand in Bonn 2017 die umjubelte Penthesilea auf die Bühne gebracht. Mitte November steht nun Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss auf dem Programm. „Ich versteh‘ das Stück nicht“, so Dirk Kaftan über diese märchenhafte, surreale Erzählung und freut sich umso mehr, diese mysteriöse Oper, stringent erzählt und um mehr als eine Stunde gekürzt, für die Bühne zu erschließen. Die Produktion in dieser Form entstand als Kooperation mit dem Tokyo Nikikai Opera Theatre und dem Teatro Real Madrid.
Die Reihe FOKUS|‘33| hält in der kommenden Spielzeit hält eine Wiederentdeckung des bereits 1965 mit nur 30 Jahren verstorbenen Komponisten Peter Ronnefeld bereit. Seit 1969 wird DIE AMEISE zum ersten Mal wieder – nun in Bonn – aufgeführt. Nicole Wacker, die das Bonner Publikum als Königin der Nacht und in Vespertine mit ihren artistischen Koloraturen erfreute, spielt und singt gemeinsam mit Dietrich Henschel, den die Bonner als Moses in Schönbergs Moses und Aron zwar nur mit Sprechstimme, aber in starker schauspielerischer Performanz in Erinnerung haben. Im März 2026 erfolgt dann, sehnsüchtig erwartet von den Theatermachern, ebenfalls im Rahmen von FOKUS|‘33|, AWAKENING von Param Vir. Die Oper handelt von Buddhas Weg aus der Dunkelheit in die Erleuchtung. Vasily Barkhatov führt zum dritten Mal – nach Siberia und Eugen Onegin – Regie an der Oper Bonn.
Zurück zu einem Repertoirerenner heißt es dann bei DER BARBIER VON SEVILLA von Gioachino Rossini. Mehr als 200 Jahre hat die Oper auf dem Bühnenbuckel; der junge südafrikanische Regisseur Matthew Wild erschließt das Stück neu mit Elementen unterschiedlicher Kulturen, inklusive Streetdance. Frisch aus dem Opernstudio Royal Opera in Covent Garden wird Grisha Martirosyan den Figaro interpretieren und es gibt ein Wiedersehen mit Enrico Marabelli, den Bonnern als Fra Melitone in La Forza del destino und als Dulcamara in Der Liebestrank ans Herz gewachsen.
„Den Mount Everest der Tenorliteratur“ werde George Oniani mit der Titelrolle in OTELLO von Giuseppe Verdi besteigen, so der Operndirektor Marcus Carl. Nach dem Jugendwerk damit also ein reifer Verdi, der hier erneut den Stoff eines Dramas von William Shakespeare in Musik verwandelt. Die Inszenierung gestaltet Leo Muscato, der in Bonn beliebte Gastregisseur, der mit dem hinreißenden Xerxes, der zauberhaften Cenerentola und der witzigen Regie von Die Liebe zu den drei Orangen das Publikum mit der Liebe zum Detail erfreut.
Dirk Kaftan hat die Oper Der Freischütz schon oft dirigiert, aber bisher hat ihm das Kernstück mit den Themen von Angst und Versagensangst in den Inszenierungen gefehlt. Der Regisseur Volker Lösch wird weiten Abstand nehmen von aller „Volkstümelei und Verniedlichung“ (Dirk Kaftan), stattdessen ein aktuelles Licht auf diese romantische Oper von Carl Maria von Weber lenken. Seine Handschrift hat er bereits in Beethovens Fidelio und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Bert Brecht und Kurt Weill dokumentiert.
Wie in jeder Spielzeit präsentiert das Theater Bonn eine Familienoper: diesmal Die Reise zu Planet 9. Ein Märchen nach Machart von Die Reise zum Mond (Jacques Offenbach) mit fantastischen Abenteuern, allerdings mit einem „grün-feministischen Touch“, wie die Chefdramaturgin Polina Sandler erläutert. Als Auftragswerk feiert zum Abschluss die Uraufführung eines Experiments Premiere in der Werkstatt: Laterna Magica. Optische Projektionen stehen im Dialog zu zeitgenössischer, elektronischer Musik, eine Black Box für die Entdeckung neuer Welten.
„Um möglichst vielen die Gelegenheit zu bieten, die beliebtesten Produktionen des Hauses auch nach Ablauf der Spielzeit zu erleben“ (Bernhard Helmich), greift das Theater Bonn in den Wiederaufnahmen zu vier bewährten Hits: Tosca, die auch als Gastpiel in Antibes zu sehen sein wird, Hänsel und Gretel, in der Marie Heeschen zum ersten Mal die weibliche Titelrolle singt und der Countertenor Ray Chenez die Hexe gibt, und Nessun Dorma!, das Potpourri der beliebten Opernarien, das auch in 2025 als Silvestershow auf dem Programm steht. Was fehlt? Madama Butterfly von Giacomo Puccini, vom GMD selbst dirigiert. Warum er bei dem dichten Zeitplan das Dirigat persönlich übernimmt? Kaftan hintergründig: „Mit dem Stück habe ich noch eine Rechnung offen“. Wir werden sehen und hören!
Der Vorverkauf beginnt am 17. Mai 2025. Tickets und Infos hier.