Sex on the beach – Im Cocktailglas oder als (fast) vollzogener Akt auf der Opernbühne im Kölner Staatenhaus! Partydrogen aller Art: neben Alkohol auch fette Joints, LSD-Pillen oder mal eine Linie Koks. Das kunterbunte Partyvolk tummelt sich an einem spanischen Strand, um die Bar Adina herum. Viel nackte Haut, Yoga, Pilates und Aerobics zur Körperoptimierung und reichlich Sonnenmilch, mit der kernige Typen attraktive junge Frauen eincremen. Bistro-Tische, Sonnenschirme, Luftmatratzen – alles so schön bunt hier! Von allem viel in diesem Wimmelbild der guten Laune.

Gaetano Donizettis bekannteste Oper Der Liebestrank (L’elisir d’amore) in der superquirligen Inszenierung von Damiano Michieletto kommt in Köln (nach Madrid, Valencia, Brüssel und Graz) zum ersten Mal in Deutschland auf die Bühne, gut 10 Jahre nach der ersten Aufführung. Und das Publikum feiert in den aktuell dunklen, krisengeschüttelten Zeiten diese Hüpfburg-Schaumparty als vermutlich sehr willkommene Abwechslung.
Im Belcanto-Triumvirat Rossini, Donizetti und Bellini nimmt der Komponist des L’elisir d’amore, wie der Originaltitel lautet, tatsächlich eine Mittlerrolle ein. Die Musik führt Rossinis Crescendo, das sich an Tempo und Volumen hochschaukelnde musikalische Aufbrausen aus dem Orchestergraben, in nahezu irrwitzige Höhen. Gleichzeitig bereiten die sanft angeschlagenen Streichinstrumente dem nächsten Superstar der italienischen Oper den Boden: Giuseppe Verdi. Donizetti gilt als Meister des Schöngesangs, er komponiert für die menschliche Stimme und für Sängerinnen und Sänger, die in seinen Arien hals- und zungenbrecherische Akrobatik vollführen. Dabei rückt die Logik Handlung mit ihren Kapriolen und dem Schicksal, das sich wendet, eher in den Hintergrund.
Im Original von 1830 befinden wir uns in einem pastoralen Idyll, wo Schnitter das Korn schneiden und Dorfmädchen die Wäsche am Fluss waschen. Die Szenerie ist bewusst gesetzt, um ein Setting fern der höfischen Etikette zu etablieren. Da verliebt sich also der schlichte, offenherzige Bauernjunge Nemorino in die fesche Gutsbesitzerin Adina, die – des Schreibens und Lesens kundig – ihre Freizeit mit der Lektüre der mittelalterlichen Legende von Tristan und Isolde (Liebestrank!) verbringt. Dieser „kleine, unbedeutende Niemand“ verknüpft vom ersten Ton seine unerfüllte Liebe mit seinem Todeswunsch. Poetisch vergleicht er seine Liebe mit einem Fluss, der zwangsläufig auf das Meer hinfließt und sich dort mit allem verbindet. Er ist ein ernsthafter, fast tragisch Liebender, die zweite Hauptfigur des Stücks als melodramma giocoso, als dramatisch überzogenes, aber spielerisches Werk.
Adina weist ihn ab und fällt auf den Sergeanten Belcore rein, der von einem Militärmarsch begleitet auftritt. Der will schnell eine gute Partie machen und sie stante pede heiraten. Von seinem namensgebenden „guten Herzen“ ist wenig zu sehen, er erweist sich eher als emotionaler Hochstapler. Die Handlung torpediert ein Quacksalber namens Dulcamara, der mit seinen Salben und Tinkturen alles heilt vom Schlaganfall bis zum Haarausfall. „Bittersüß“ lautet die Bedeutung seines Namens, genau wie der eines giftigen Krauts, bittersüß wie auch die Liebesgeschichte dieser Oper.
Nun liegt Nemorinos Onkel im Sterben – genauso wie er selbst vor unerwiderter Liebe zu sterben meint. Der Alte wiederum vermacht ihm ein Vermögen und plötzlich umgarnen ihn alle Mädchen. Geld regiert offensichtlich die (Gefühls-)Welt. Auch Adina sieht ein, eigentlich schon immer den bescheidenen Nemorino in ihr Herz geschlossen zu haben. Sie kriegen sich, Belcore widmet sich gleich der nächsten Schönen und Dulcamara versteht die Welt nicht mehr. Sollte der von ihm für teures Geld verkaufte Liebestrank – eine Flasche Bordeaux oder ein Tütchen LSD – tatsächlich für solchen Sinneswandel verantwortlich sein?
Ein herrliches lieto fine, ein leichtfüßiges Ende mit großem Chor und allen Solisten, setzt alles in die heile-Welt-Ordnung. Adina hat sich besonnen und emotionale Tiefe erlangt, Nemorinos einfache Beständigkeit in seiner unerschütterlichen Liebe hat sich ausgezahlt, Belcore kehrt auf Nimmerwiedersehen zu seinem Regiment zurück und Dulcamara, der soviel Gutes bewirkt hat, ist allen jederzeit willkommen.
Ob man den Liebestrank naturalistisch oder futuristisch inszeniert, die Oper dekonstruiert, in aktuelle Bezüge einbettet oder drastisch reduziert … über allem thronen Musik und Gesang. Hier trumpft die Premiere von L’elisir d’amore in Köln auf. Das Gürzenich Orchester unter Matteo Beltrami spielte temperamentvoll und mitreißend, mit hörbarer Freude an dieser sprühenden Komposition. Und der Chor überzeugte mit dem, was unter der Leitung von Rustam Samedov eine Kölner Erfolgsgarantie bedeutet: fantastischer Gesang, tolle Gruppenszenen, präzise Einsätze.
Bis auf einen Gastsänger schöpfte die Kölner Oper aus dem (Ensemble-)Vollen. Mit dem Neuzugang Maya Gour besetzte sie die Gianetta mit einem sehr hellen, aber kraftvollen Mezzosopran, den die junge Frau witzig und spielfreudig in Szene setzte. Insik Choi debütierte als Belcore und ließ mit seinem Bariton die Koloraturen in tiefste Tiefen hinabgleiten, was sich bei seinem ersten Auftritt wirklich sinnfällig mit dem Ausziehen seiner Hose verband. Er gab den selbstbewussten Womanizer und den intriganten Rivalen mit seiner schönen Stimme und überzeugenden Schauspielerei sehr glaubwürdig.
Als echter Publikumsliebling räumte Omar Montanari in der Rolle des Dulcamara ab. Hatte er in La Cenerentola bereits als Don Magnifico geglänzt, setzt er im Liebestrank nun noch viel stärker sein darstellerisches Talent ein. In der Rolle dieses liebenswürdigen Scharlatans kostete er die ganze gesangliche und sprachliche Virtuosität seines Bass-Baritons aus: Die Textverständlichkeit seines Turbo-Gesangs ist großartig, die Buffo-Koloraturen sehr schön gestaltet. Der Macker mit Pick-up und Go-Go-Girls ist ihm auf den Leib geschrieben. Bei aller geschäftstüchtigen Gerissenheit ist er doch ein kleiner Geist – vermutlich in Köln wegen seines Drogenkonsums.
Dimitry Ivanchey sang und spielte sich als Nemorino in die Herzen des Publikums. Ein lyrischer Tenor, der erst im zweiten Akt und mit seinem Operngala-Nummer-eins Hit „Una furtiva lagrima“ sein ganzes stimmliches und gesangliches Können präsentieren konnte. Als die wuselige Inszenierung zur Ruhe kommt, vermag der leise Liebende seinen Gefühlen nachdrücklicher Ausdruck zu verleihen. All‘ der Schnick-Schnack und Slapstick lenkten im ersten Teil von der überzeugenden Gesangsleistung eher ab, sodass der Solo-Auftritt im dunklen Raum mit nur einem Spot diesen gesanglichen Leckerbissen sehr unterstützte.

Der Star des Abends – unbestritten Kathrin Zukowski, die ebenfalls in ihrer Rolle debütierte. Sie hat eine herrliche Stimme, die sie elegant und nahezu spielerisch variiert. Im messa di voce lässt sie ihre Stimme dynamisch an- und absteigen, ihre Verzierungen kommen wunderbar frei aus ihrer Kehle. Hier fügen sich ein großes Talent, eine tolle Stimme, professionelles Knowhow und spielerischer Witz im Mimik und Gestik zu einer nun reifenden Künstlerin. Ganz gebannt lauscht das Publicum, wenn sie gerade beim Wort amor die höchsten Noten singt und dabei strahlt. Dann leuchten die Sterne, so viel Kraft und Können liegen in Kathrin Zukowskis Gesang.
Fazit: Die Regie strapaziert das Publikum mit einem Maximum an optischen Eindrücken. Der Anklang an „Vamos a la playa“ oder „Pack die Badehose ein“ mit dem Amüsement der Spaßgesellschaft untergräbt die leisen, lyrischen Elemente dieser Oper. Aber erlaubt ist, was gefällt. Das Premierenpublikum applaudierte begeistert.
Die Oper Köln spielt die Oper Der Liebestrank noch 11 Mal bis zum 6. Dezember 2023. Infos und Karten hier.
Auf YouTube gibt es hier die ganze Oper in dieser Inszenierung. Live auf der Bühne wirkt die Produktion bunter, greller, schriller. Musik und Gesang allerdings sind an der Oper Köln ein echter Genuss.