Es wuselt im Foyer der Oper Bonn. Mehr als die Hälfte der Premierengäste zu der Familienoper „Geisterritter“ nach dem Roman von Cornelia Funke war so zwischen sechs und sechszehn. Viele begleitet von den Eltern oder den Großeltern, dazwischen vereinzelt Opernfreunde, die einfach Lust auf diese Weltpremiere und Uraufführung verspürten. Der Komponist James Reynolds war sichtlich angespannt, als er durch’s Treppenhaus huschte. Ob das Werk funktioniert?
Wir trauen Teenagern eine Aufmerksamkeitsspanne von 20 Minuten zu, jüngeren Kindern eher weniger. Und heute? Kein Mucks war zu hören während der 60 Minuten des 1. Aktes. Höchste Konzentration, höchste Spannung. Waren zuvor noch Hunderte mit ihren Smartphones beschäftigt (was man sonst hier im Foyer wirklich nie sieht), wirkte das Dolby-Surround Monsterraunen „Bitte schalte dein Handy aus“ wahre Wunder. Alle Augen nach vorn, alle Ohren auf Empfang.
Die Ouvertüre – falls man die erste Szene so bezeichnen kann – bot „tutti“. Alle Mitwirkenden auf der Bühne, vom Geistertrio über die gotischen Domfiguren und die Kröten-Rapper bis zum Protagonistenpaar Jon und Ella. Dazu auch aus dem Graben das „volle Programm“. Zwischen Stereo-Herzschlag eines Verfolgten und dem Androhen großen Unheils spielen erstmals die sieben Schlagwerke und die große Streicherbesetzung auf. Ganz schön gruselig geht’s los während Jons Eisenbahnfahrt ins Internat. Netter Gag: der qualmende Kopf mit wüsten Drohungen auf dem Abteilsitz.
Zu Recht gebietet der Ghostbuster Jon dem Treiben Einhalt. Stop, fangt noch mal von vorne an; so versteht ja keiner meine Geschichte. Ja, macht mal. Und zwar ohne Murren!
Was sich dann entfaltet, enthält die übliche Mixtur für einen Internatsroman: ein Junge (Jon) mit einem verhassten Stiefvater, der zunächst gemobbt wird, aber dann zum Helden heranwächst. Ein Mädchen (Ella), das „Mut hat und klug ist“ und sich Jon unerschrocken und ideenreich zur Seite stellt. Schusselige Hauseltern – sie riecht nach Lavendel und er nach Whiskey – und zwei Zimmerkameraden, von denen der eine Kuscheltiere sammelt und der andere sich nach Küssen sehnt. Das volle Pubertätsprogramm also. Das oszilliert zwischen Geschichtsstunden mit Kriegsheldenverehrung und nächtlichen Abenteuern, die schließlich eine alte Familiengeschichte zu einem guten Ende führen. Alle kriegen sich, der Zahnarzt-Vollbart als Vater-Ersatz entpuppt sich als der zuverlässige Sohn von Ellas durchgeknallter Oma, die sich mit frechen Kröten umgibt.
Jetzt heißt es, die Welt mit Kinderaugen sehen. Die nicht-Erwachsenen finden nämlich ein sehr plumpes Pappauto super, weil es sich auf der Bühne bewegt. Und die Monster mit den Hundeköpfen gar nicht bedrohlich, weil sie gern Gruselgeschichten hören und lesen. Aha. Einhellig begeistert zeigten sich alle – jung und alt – über die herrliche Choreografie im Klassenzimmer. So müsste Unterricht sein: Man könnte immer mit all seinem Zeug schnell irgendwohin gleiten und dort weitermachen. Das hätte Szenenapplaus verdient, so elegant und gleichzeitig dynamisch rollerten die Jugendchorkinder in ihren englischen Schuluniformen durch den „öden, blöden“ Geschichtsunterricht.
Und dann leuchten die Augen bei der visuell-technischen Umsetzung. Boah, die Kathedralenszene. Wie die gotischen Säulen sukzessive durch Beamer-Installationen und Projektionen auf glatten Paneelen entstehen. Wie die Technik (alle Stimmen der Einzelsänger sind über Mikrofon verstärkt) den Hall des Kircheninneren hinkriegt – sehr beeindruckend. Und wie dann die Chor-Nischenfiguren in ihren individuell-differenzierten Kostümen wie die Kolleginnen und Kollegen im Naumburger Dom ihre Haltung einnehmen – faszinierend, ebenso wie die Präzision im Gesang. Schließlich übermalen Orgelpfeifen die Dompfeiler und der Synthesizer (?) schafft Höhe und Weite der Musik. Sehr gekonnt gemacht.
Fynn (16) und seine „kleine Schwester“ Marla (11) kommen aus Friesdorf und genießen (nach Evita) ihren zweiten Familienabend in der Oper Bonn. Beide hatten den Opernbesuch im Adventskalender. Was für eine „zauber“hafte Idee. Sie hatten den Roman von Cornelia Funke nicht gelesen, sahen keine Ähnlichkeiten mit Harry Potter, sondern waren hin und weg von allen Details. Ob ihnen denn die „Wiedervereinigungsszene“ zwischen Ela Longespee und ihrem Mann William vielleicht kitschig vorgekommen wäre? – Nö, das sah doch schön aus. – Auch mit der Gloriole und dem Strahlenkranz in rot der Columbia Pictures? – Ja, richtig romantisch. Na dann …
Dann ein aufgeschnapptes Werten in drei Zügen: „Geschichte schön, Musik geht so, eher nicht, Bühnenbild großartig.“
Moment, bis zum Gesamturteil kriegt ihr noch ein paar Details zu lesen. Eine Augenweide: die Kostüme. Liebevoll überdreht Susanne Blatterts Oma Zelda (und jungfräulich himmelblau als Ela) mit Turmperücke und lila Handtasche. Ich wünschte, sie hätte damit noch mehr um sich gehauen. Martin Tzonevs Schulmeisterlein Mr Rifkin aka Bonapart (für’s -e reichen die Geschichtskenntnisse der Youngsters eben doch nicht) im englischen Tweed mit offenem Haar sowie vielen Vorurteilen, von denen er erst am Ende geläutert vor seiner Schulklasse steht. Klasse! Die Hauseltern Alma und Edward Popplewell (Anjara Bartz und Johannes Marx) in aufgebauscht-zerzauster Perücke und abgestepptem Dreiteiler sehr kinderbuchgerecht auf englisch-skurril getrimmt.

Absolut überzeugend in Kostüm, Gesang und in den dance moves der Countertenor Bernard Landauer. Die nahezu hagere Gestalt, der bodenlange Mantel, die Haare nicht viel kürzer – grandios. Den könnte Bonn gerne öfter einladen für eine Gastrolle. Georgios Kanaris haben wir schon oft singen gehört – aber selten so „krass“ jugendlich tanzen sehen. Der hat die hip-hop moves drauf, durfte aber nur wenig davon zeigen. Cool! Seine Aufmachung – bis hin zum steinernen Gang und der reglosen Phase als „effigy“ (Bildnis) auf seinem Sarkophag, mit dem er eins wurde … I like.
Die „Kinder“ Angus, Stu, Jon und Ella trugen durchgehend ihre Schuluniformen. Lediglich pinke Sneaker gaben der hinreißenden Marie Heeschen einen touch girlie. Mit Sphärenklängen untermalt ihr Duett mit Jon (David Fischer) auf dem Hausdach unter dem Sternenzelt. Ja, es klingt nach Klischee und so ist es auch.
Als schließlich das Herz am richtigen Ort begraben, als die Longespees ihren Seelenfrieden gefunden haben, als Lord Stourton (der Bösewicht) und seine Höllenhunde erledigt sind, heißt der Schlachtruf „PARTY“! Da walzert es sich galant, bis die Rapper-Kröten dem spießigen Drehen ein abruptes Ende bereiten und die Bude noch mal richtig rocken; schließlich befinden wir uns im Jahr 2017 … befinden sie. Zum Glück ist die „Band“ im Graben dazu maximal ausgestattet. Und Daniel Johannes Mayr lässt das Beethoven-Orchester die Amplitude von Salon zu ghetto-blaster ausspielen.
„Alles muss aus einem Guss sein“. Damit meint James Reynolds die Musik, die er zum großen Gefallen der Autorin Cornelia Funke komponierte. Von 8 bis 80 soll sie funktionieren, las man. Etwas vollmundiger hieß es sogar, von 10 bis 110 sei das Publikum angesprochen. Mit mir hatten einige der volljährigen Premierengäste doch etliche déjà-vues. Viele musikalische Zitate von dies irae bis zu Elvis oder den Everly Brothers klangen an, schmalzige Liebesbekundungen wechselten sich mit flotten Nummern ab. Dein ist mein ganzes Herz klang an und die Sentenz, dass wir mit Liebe und Gemeinsamkeit stark sind und so den Himmel auf Erden uns bereiten. Und spukten da auch der Andalusische Hund und die Vögel, also Buñuel, Dalí und Hitchcock über die alte super-8 Leinwand?
Aber sei’s drum. Machte James Reynolds sich Sorgen, ob seine Oper ankommt? Er hat es heute selbst erlebt. Die Kids – und mit ihnen die Oldies – waren begeistert, gingen mit, applaudierten, johlten und pfiffen, bis alle standen und ihre Ovationen darbrachten. Allen Beteiligten auf der Bühne war die Freude über den großartigen Erfolg ins Gesicht geschrieben, es gab „Vorhänge“ über Verbeugungen, bis Daniel Johannes Mayr noch einmal spielerisch seine ganze Autorität als Dirigent in die Waagschale warf. Zum zweiten – und letzten Mal nach minutenlangem Applaus – ein tutti „Und jetzt ist … Schluss!“
Vorhang.
Dann raus und ran an die lange Tafel, an denen Sängerinnen, Sänger und die Tänzer Platz nahmen. Hier gab es Selfies, Autogramme, liebe Worte und ein hautnahes Augenrollen vom bösen Lord Stourton. Ganz schön (!) gruselig.
Hier gibt’s großartige Eindrücke vom Bühnenbild und von den Protagonisten.