Bizet war nie in Spanien

Wie bitte? Der Komponist der (vom Sujet her) spanischsten aller Opern kannte das Setting, wie wir heute sagen, nicht aus eigener Anschauung? Alles ausgedacht und angelesen? So wie Karl May nie im wilden Kurdistan weilte und Jules Verne de facto nicht zum Mittelpunkt der Erde reiste?

Die Opernfreunde wissen es natürlich. Nahezu jeder kompositorisch aufbereitete Stoff basiert auf einer literarischen, historischen oder mythologischen Grundlage. Stellen wir uns also vor, wie Carmen entstand.

Georges Bizet, selbst einem sehr kulturaffinen Elternhaus entstammend, war – wie das bei relativ unbekannten jungen Künstlern häufig vorkommt – finanziell ein bisschen klamm. Er wurde ein wenig protegiert und ein Quäntchen Nepotismus mag auch im Spiel gewesen sein. Auf jeden Fall begeistert er sich spontan für eine Novelle seines Landsmanns Prosper Mérimée, der wiederum über Verwandt- und Liebschaften nach Andalusien gereist war. Bleiben wir einen kurzen Moment bei diesem Namen. Mit dem Vornamen hatten die Eltern ihm den Erfolg, das Gedeihen bereits in die Wiege gelegt und programmatisch mir auf den Lebensweg gegeben. Und mit ein wenig Fantasie dichten wir rasch den Familiennamen in Meriten um – ein kleiner Buchstabe anders und schon wird das erfolgreiche Gelingen zum Lebensmotto.

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Auf’s Schreiben versteht er sich. Kunstvoll verschachtelt er in einer Novelle drei Erzählstränge, was aber für die 50 Jahre später entstehende Oper keine Bedeutung hat. Kurz: Ein Archäologe macht auf einer Expedition die Bekanntschaft eines steckbrieflich gesuchten Kriminellen und verhilft ihm zur Flucht vor der Polizei. Diesen wiederum trifft er wieder, als er eine amouröse Nacht mit Carmen, der unwiderstehlichen Gitana, verbringt. Männerehre – du lässt mich entkommen, ich lass dich, obwohl rasend vor Eifersucht, auch abhauen. Carmen ist Hobby-Prostituierte und Taschendiebin, aber mit einer so unwiderstehlichen erotischen Exotik ausgestattet, dass alle Männer sie begehren.

Dieser Don José wird nun schließlich doch verhaftet und wartet im Gefängnis auf seine Hinrichtung. Der Ich-Erzähler (der Archäologe, Sie erinnern sich), besucht ihn dort und jetzt – Obacht! – legt der Verurteilte eine Lebensbeichte ab. Dies wiederum ist die Geschichte von Carmen, wie Bizet sie auf die Opernbühne bringt.

Tataaa – Carmen tritt aus der Erzählung in der Erzählung in der Erzählung heraus auf die Bühne. Sie entwickelt sich vom Objekt der beiden männlichen Erzählfiguren zur alles bestimmenden Protagonistin.  Bizets radikale Reduktion bewirkt einen ebenso drastischen shift of focus.  Weg von dem Prachtweib mit dem sagenhaften Sex-Appeal hin zu einer unberechenbaren, freiheitsliebenden, intriganten, flatterhaften Heldin im Milieu der proletarisch-ausgebeuteten, (klein-) kriminellen, gewaltbereiten Unterpreviligierten. Von der Romantik zum Realismus also. Skandal! Keine Königin weit und breit, kein globaler Konflikt, kein Waffengeklirr. Stattdessen zerrissene Kleider, Militär von niederem Stand, kleine Liebeshändel, das Mädchen vom Dorf. Man bedenke: Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann etablieren in ebendiesen Milieus ihre naturalistischen Dramen zur selben Zeit, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.

Carmen also. Die Lateiner unter meiner verehrten Leserschaft wissen selbstverständlich Bescheid. Carmen bedeutet „Lied“. Noch ein bisschen Latein? Deshalb heißen die Carmina (Plural von carmen!) Burana eben die Lieder aus Benediktbeuren. Sorry für den Exkurs. Aber ich liebe Sprache und gehe gern den Dingen auf den Grund.

Die Handlung (der plot) ist fast ein Gemeinplatz. Don José liebt Carmen, sie ihn kurzfristig auch. Dann tritt der fesche und schneidige Torero Escamillo auf den Plan und verströmt die männlichste aller Macho-Varianten: Er tötet den Stier und beweist, wer von beiden über mehr Testosteron verfügt. Gleichzeitig überzeugt sein Glamour-Faktor. Vor der Corrida leiten mehrere Quadrillas seinen Einzug ein. Das imponiert Carmen natürlich. Hier übertrifft das Gegockel (ein schräges Bild, ich weiß) Don Josés Gejammer.

Bringen wir das Drama auf den Punkt. Don José stammt aus einer unbedeutenden Familie in der Provinz. Er erarbeitet sich den Aufstieg im Militär, wird Offizier. Eine kleine, aber feine Karriere samt sicherer Pension steht ihm offen. Was macht er aber? Verliebt sich in ein unberechenbares Weib, das seine Liebe nicht zu schätzen weiß. Der Käfig im Eigenheim mit einem halben Dutzend Kindern würde ihr viel zu eng. Das vermag Don José leider nicht zu deuten. Er begeht – auch ihr zuliebe – einige Straftaten, die ihn schließlich zwingen, sich zu ihr und den Outlaws zu gesellen. Eine Rückkehr in seine bürgerliche Gesellschaft ist ausgeschlossen. Wo er auf Bindung setzt, entfliegt Carmen in Richtung Freiheit.  Die Protagonistin der Emanzipation? Wenn Männer sich in Bordellen vergnügen, warum soll eine Frau auf wechselnde Liebhaber verzichten?

Wie entkommt nun Don José seiner Seelennot? Er kann sich nur in einem ultimativen Akt befreien von der ihn verzehrenden Hingabe an die Frau, die ihn nicht verdient: Er vernichtet das Objekt seiner Begierde und gleichzeitig das Subjekt seiner eigenen Zerstörung. Während der Toreador, sein Nebenbuhler,  in der Arena dem Stier den Todesstoß versetzt, ersticht Don José Carmen. Die Frage stellt sich sehr berechtigt: Warum heißt die Oper nicht Aufstieg und Fall des Don José?

Noch mal zurück zur literarischen Vorlage. Bizet und seine beiden Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy strichen alles kunstvolle Beiwerk der Novelle auf das Wesentliche zusammen. Gleichzeitig fügten sie eine Figur ein, die bei Prosper Mérimée fehlt,  Micaëla. Sie hat zwei sehr überzeugende Auftritte, wobei der zweite von der Handlung her  schwer nachzuvollziehen ist. Für die innere Zerrissenheit Don Josés dafür umso mehr.

Als Don Josés Herz gerade für Carmen entflammt, tritt sie auf die Szene und unterbreitet ihm die besten Wünsche der Mutter, die ihn bittet, zu einem Besuch nach Hause zu kommen. Ihr zweiter Auftritt führt sie in die Schmugglerberge zu den Outcasts. Erneut personifiziert sie den sicheren Zufluchtsort, die Heimat. Allerdings fährt sie diesmal ein schärferes Geschütz auf: Die Mutter liege im Sterben und wünsche, ihren Sohn ein letztes Mal zu sehen.

Dramaturgisch ein bisschen holprig, psychologisch gekonnt platziert. Micaëla verkörpert – nicht nur als seine Jugendliebe und Verlobte – die Moral und den Ehrenkodex von Josés einfacher Herkunft: Mutter ehren (wir befinden uns in einem katholischen Land mit hohem Status der Mutter-Marien-Verehrung), treu sein, sich moralisch verhalten und die eigenen Grenzen erkennen. Sie personifiziert sein Gewissen: Ihr Sopran und sein Tenor sind für die Personenzeichnung und die Plausibilität hier essenziell.

Das Libretto und die Oper markieren einen Wendepunkt. Bizet schrieb eine opéra comique, die traditionell Musiknummern durch gesprochene Dialoge verband. Er steht mit Carmen auf der Schwelle zum Realismus oder zum Verismo der italienischen Oper. In verschiedenen Fassungen wurden Rezitative eingefügt – hin zu mehr Musikalität. Aber die Sprache bleibt doch bescheiden. Eng geführt in einem limitierten Vokabular, die Passagen häufig nicht kongruent in der Musik und der natürlichen Aussprache. Da hat die Studienleitung einiges zu tun.

Worüber reden wir? Über eine Oper, die mit tausenden Terminen seit ihrer Erstaufführung 1875 vor Musikalität überschäumt, vor Ohrwürmern brummt, vor Emotionalität vibriert, vor Leidenschaft schier platzt und mit ihren mitreißenden Melodien einfach begeistert.

Nur noch wenige Restkarten (für die Ränge) am Premierenabend am 5. November 2017 gibt es hier.

Wir sehen uns – hier oder dort. Auf jeden Fall live in der Oper.

 

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