Aris Argiris und Lupe Larzabal – ein Künstlerpaar in Bonn

Weltoffen und wahrhaft kosmopolitisch gestaltet dieses Paar die gemeinsame Lebensreise. Kein Wunder, nennt Aris doch Piräus, den Hafen von Athen, seine Heimat und Lupe stammt als echte porteña  vom Rio de la Plata in Buenos Aires. 2007 haben sie einander kennen- und liebengelernt, bei den Proben für La Bohème in der Oper Bonn. Als „Beziehungssprache“ pflegen sie seither Englisch, sind aber gleichzeitig in Griechisch, Italienisch, Spanisch und natürlich Deutsch perfekt.

Vor genau 20 Jahren kam Aris Argiris nach München; das Ticket hatte ihm der erste Platz beim Maria-Callas Wettbewerb beschert. Da war er bereits 24 und hatte gerade sein Marketing-Studium kurz vor dem Abschluss geschmissen. Spät, aber umso entschlossener, entschied er sich ganz bewusst für eine Laufbahn als Opernsänger und niemand ahnte damals, dass er eine so aufregende internationale Karriere hinlegen würde. In einer Jazzband spielte er Sopran- und Tenorsaxophon, als Basketballspieler lernte er, mit Ehrgeiz und Motivation eine Leidenschaft zu verfolgen.

Basketball? Baloncesto! So heißt das Mannschaftsspiel mit den schnellen Richtungswechseln, dem flinken Dribbeln und den hohen Sprüngen auf Spanisch. Das war auch Lupes Sport im Gymnasium – und meiner auch! Eine schöne Gemeinsamkeit, auf der wir meine „Premiere“ aufbauen.Facetune_11-02-2019-22-08-52 (2) Zum ersten Mal findet das Künstlergespräch mit einem Paar statt – da heißt es für mich, ganz besonders aufmerksam die Öhrchen zu spitzen und möglichst viele Details im Gedächtnis zu verankern.

Unsere Vorhaben entwickelt sich fast zu einer home story, denn das muntere Plaudern findet im Studio der beiden mitten in Bonn statt. Mit „Agora“ benannten sie es programmatisch, bezeichnete dies doch in der antiken Polis den Platz der Zusammenkunft. Ein Konzertflügel dominiert den Raum, ein Kontrabass lehnt in der Ecke. Hier spielt die Musik – im wahrsten Sinne des Wortes. Die/das Agora ist Übungs- und Probenraum, bietet Raum für intime Konzerte und hat sich als Domizil für die monatlichen Treffen der Opernfreunde etabliert.

Hier arbeitet Lupe Larzabal auch als Gesangslehrerin. Sie entpuppt sich als quirliges Multitalent, das vor allem ein breitestes Spektrum an Interessen und Fähigkeiten abdeckt. Privilegiert in Argentinien aufgewachsen, früh an die Musik herangeführt, studierte sie statt Gesang zunächst einmal Mathematik und Physik. Warum? Weil auf dem klassisch-humanistischen Gymnasium mit sieben Jahren Latein und Altgriechisch die Naturwissenschaften zu kurz kamen. „Ich wollte das einfach lernen.“ Mit diesem Abschluss in der Tasche machte sie zunächst einmal Karriere im Management, bevor sie 2003 nach Deutschland kam.

„Sie ist eine Alleskönnerin mit großer Expertise im Multi-Tasking“, schwärmt ihr Mann. Facetune_11-02-2019-22-00-54 (3).jpg„Sie singt, leitet einen Chor, dirigiert, gräbt verschüttete südamerikanische Barockmusik aus und schafft alles als Organisationsgenie.“ Mir schwindelt in der Tat. Zunächst mal zur Musik. Eine so alte Musiktradition auf einem eher so jungen Kontinent? „Wir Argentinier verstehen es, traurige Themen in leichte Musik zu packen.“, erläutert Lupe. „Die Einflüsse der ehemaligen Sklaven und der indigenen Völker machen diese Musik so wunderschön.“

Für Juli 2019 hat sie die Misa a Buenos Aires, die Misatango mit Workshops und einem Konzert organisiert: für Deutschland eine Premiere! „Ich fühle mich häufig mehr als Eventmanagerin, die dringend eine Assistentin benötigt. Schließlich geht die harte Arbeit ja erst richtig los, wenn das künstlerische Programm steht. Location buchen, Karten organisieren, Werbung machen, Sitzplätze für Honoratioren reservieren.“ Vieles von Lupes Engagement betreibt sie durch ihren Verein „LiberArte Bonn“ ehrenamtlich, das spült kein Geld in die Kasse.

Da springt ihr Aris zur Seite. „Als ich mein letztes festes Engagement gekündigt habe, ließen wir uns auf harte Zeiten ein. Zwei kleine Töchter (heute 10 und 13 Jahre alt) und die Verantwortung …“ Heute arbeitet er als hoch geachteter Professor für Gesang an der Universität der Künste in Berlin. „Mit purer Magie“, so Lupe, „bringt er alle seine Studierenden zu tollen musikalischen Leistungen.“ Ich werfe ein, dass er bei mir vermutlich auch mal scheitern könnte, aber das lachen die beiden einfach weg. Auch Unterrichten betreibt Aris mit großer Leidenschaft.

Das Verständnis der beiden untereinander – einfach phänomenal. Nicht, dass die eine die Sätze des oder der anderen vervollständigt. Aber hier herrscht ein liebevolles Miteinander, hier schwingen die vibes und verstärken sich. Wer einmal im Kammerkonzert beobachtet hat, wie Aris nur für den Bruchteil einer Sekunde den Blickkontakt sucht und dann anstimmt, könnte fast neidisch werden angesichts dieser liebevollen Beziehung. Natürlich herrscht nicht immer verliebte Schwärmerei. „Bei einem Streit wird es auch mal laut. Richtig laut!“, gesteht Aris. Ja, bei den Temperamenten durchaus vorstellbar!

Lupes Eltern haben ihr früh alle musikalischen Türen geöffnet. Ihr Vater spielt verschiedene Instrumente, war aber von Beruf Bauingenieur. Aus seiner Kompositionsfeder stammt eine Stabat Mater, die in Bonn uraufgeführt wird und hoffentlich im Rahmen des „Beethoven 2020“ erklingt. Die Mutter, eine promovierte Neuropsychologin, singt auch, malt und spielt Klavier. Und Lupe? Arrangiert Stücke, probt mit ihren Chören, unterrichtet Gesang und tritt im August und September als Flora (La traviata) und Ragonde (Le comte Ory) in Buenos Aires auf. Einen ganzen Monat wird sie dann von ihren Lieben getrennt sein!

Dafür geht es anschließend gleich nach Ägypten mit der ganzen Familie. Dort singt Aris in der Aida den Amonasro in einer open-air Inszenierung vor dem Hatshepsut Tempel in Luxor. DSC_0135.jpgDa wäre ich gern dabei, wenn die Monumentalszenen am echten Schauplatz spielen. Und wenn Aris Verdi singt! Mit seinem Rigoletto glänzte er kürzlich auf verschiedenen Bühnen in Schottland. Diese Erfahrung möchte er nicht unbedingt wiederholen. „Das Wetter, die kühle Feuchte und der Wind waren mir nicht zuträglich. Ich bin ein Mittelmeermensch, der das milde Bonner Klima gewöhnt ist!“ Die Quittung? Eine Bronchitis und eine dreitägige Zwangspause, danach trotzdem auftreten und singen.

Lupe flog ein, linderte seine Beschwerden und mehr denn je vertraut er auf ihren Rat, wenn es darum geht, welche Angebote er annimmt. Er hat sich im Lyrischen, im mozart’schen Kavalierbariton wie für den Grafen Almaviva, veritable Meriten verdient. Aber von da entwickelt er sich weiter und konzentriert sich auf die wirklich bösen Buben, den Scarpia und dessen Gesinnungsgenossen. Und Wagner. Dieser Sänger mit der fantastischen Stimme und tiefen, dramatischen Ausdruckskraft vereint die beiden Erzrivalen Giuseppe Verdi und Richard Wagner. Sein Wotan der Chemnitzer Walküre begeisterte die Kritik. Der Frank in Puccinis Edgar in der Presse hoch gelobt. Wir Bonner Opernfans blicken mit Bedauern darauf, dass hier möglicherweise der Prophet im eigenen Land nichts gilt. Alle, die ihn im Theater Bonn haben brillieren sehen, vermissen ihn zutiefst. Vielleicht hilft da die jüngste CD-Einspielung Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold. Ein Aris-Argiris-Bariton to go!

In der Region halten wir die Augen offen für Termine mit Liederabenden, vielleicht ein Mahler oder ein Brahms. Wenn er nicht in der Misa Criolla singt, die Lupe dirigiert und mit ihrem Chor einstudiert hat. Da gibt’s dann auch schon mal einen Rüffel von der Chefin. Ein Auftritt morgens um 10:00 Uhr in der Kirche widerstrebt seinem Lebensrhythmus: Der Opernsänger an sich läuft ja ab 18:00 Uhr zur täglichen Höchstform auf. Eine amüsante Anekdote. Lupe dirigiert mit ihrem südamerikanischen Temperament und gibt ein strammes Tempo vor, zu dem Aris per Blickkontakt zu vermitteln versucht, das sei ihm alles viel zu flott und zu anstrengend am frühen Morgen. Augenrollen auf beiden Seiten!

Wenn zwei Künstler so nachgefragt sind zwischen München, Athen, Lübeck, Ludwigsburg, Buenos Aires, Kairo und Bonn, wie klappt dann das Familienleben? „Früher war ich für acht bis zehn Monate im Jahr unterwegs. Das gestaltete sich schwierig, weil auch die Mädchen noch so klein waren. Jetzt habe ich meine festen Zeiten in Berlin und hier im Gesangsstudio, gastiere und singe für rund fünf Monate im Jahr außerhalb. Das klappt hervorragend!“, sagt Aris. „Francisca und Sofia vergöttern ihn“, seufzt Lupe. „Für ihn scheint selbst Erziehung ein Kinderspiel zu sein. Was er sagt, gilt. Da bin ich viel zu weich.“

Sowohl die Südamerikaner als auch die Griechen erfreuen sich eines großen Rufs als besonders kinderlieb und als ausgesprochene Familienmenschen. Das passt. Und die Sprachen? Die teilen sie sich gerecht auf. Lupe spricht mit den chicas Spanisch, Aris Deutsch, miteinander ist ihre lingua franca ihre „Liebessprache“ Englisch. Im Urlaub bevorzugen sie ein Ferienhaus, wo sie nach Belieben bis mittags im Pyjama trödeln können. „Weißt du, im Hotel zwingen sie dir deren Rhythmus auf. Und wir sind so gerne frei.“

So viel artistische Selbstbestimmung lässt gar nicht vermuten, dass Aris über eine „hidden virtue“, ein unbekanntes Talent verfügt. Er fungiert als „Buchhalter“ der Familie, sammelt Belege und bereitet die Unterlagen für den Steuerberater vor. Nix künstlerische Freiheit und Extemporieren, sondern filigrane Feinarbeit im Sinne des Steuergesetzes! „Für einen Griechen verfüge ich sowieso über fast teutonische Tugenden,“ ergänzt Aris. „Ich bin sehr pünktlich, sehr fleißig, sehr zuverlässig. Das habe ich von meinem Vater gelernt.“ – Und auch da ist Lupe mit im Boot. Auch Südamerikanern dichte man eher Leidenschaft als Zielstrebigkeit an. Da sei sie aber auch als Latina aus anderem Holz geschnitzt, fast mit deutschen Zügen ausgestattet.

Wer mit zwei so liebenswürdigen Menschen zwei Stunden verbringen darf, gelangt wie von selbst zu Themen, die weit außerhalb des Musik- und Opernbetriebs liegen. Wir werfen einen Blick auf Bildung oder deren Mangel, auch bei vielen Nachwuchssängern. „Lest ein Buch, beschäftigt euch mit Künstlerbiografien, setzt euch eine Stunde in die Pinakothek und betrachtet nur ein Bild, hört euch Aufnahmen an, studiert die Geschichte und die politischen Hintergründe sowie die soziale Situation zu der Zeit, als die Oper entstand …“, gerät Aris richtig in Fahrt. Lupe und ich nicken und pflichten ihm bei. So isses!

Wo wir dann schon mal dabei waren, kommen historische Aufführungspraxis und modernes Regietheater zur Sprache. Lupe macht es am Beispiel Vibrato fest. „Das Leben ist nicht eckig, sondern rund, wellig, kurvig. Ein Ton, der nicht vibriert, piepst wie das EKG eines Toten!“ Ooops, deutliche Worte und sicher ein Grundsatzthema für Experten.

Schnell noch zwei-, dreimal posen für die Fotos und dann time to say good-bye. Zu dritt machen wir uns auf den Weg durch das rheinnahe Bonn, jeder in seine Richtung.  Lupe schmunzelt: „Wenn ich bedenke, wie fremd mir in den ersten Jahren diese ruhige Gangart war. Das Stimmengewirr, die Autohupen, das Chaos, der allgegenwärtige Lärm in Buenos Aires waren mein Lebenselixier. Heute genieße ich das gemächliche, gemütliche Leben hier.“ Aris nickt – jaja, der Trubel beherrscht auch Athen. Und beide stimmen überein: Sie leben gern im beschaulichen Bonn.

Informationen zu LiberArte, Deutsch-Hispanoamerikanische Gesellschaft e.V. findet ihr hier. Alles zu Biografie, Repertoire und Terminen von Aris Argiris hier.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s